Die Handlung und die handelnden Personen dieser Geschichte sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit toten oder lebenden Personen oder Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ist nicht beabsichtigt und wäre rein zufällig.

An Herrn F: Nehmen sie die physikalischen Unkorrektheiten in dieser Geschichte nicht ernst. Ich habe trotzdem in ihrem Unterricht aufgepasst.

Kapitel 1 -Lina und ich

Ich hatte das Gefühl, Lina schon zum  hundertsten Mal daran erinnern zu müssen, dass sie in der der Schule war und aufpassen musste. Sie schien eigentlich immer etwas zu lesen –einen Roman, einen Gedichtband, die Zeitung und sogar die Schulbücher, aber meistens natürlich ein Roman. Sie las an den unmöglichsten Orten zu den unmöglichsten Zeiten, selbst wenn es eigentlich nicht der passende Zeitpunkt dafür war. Diesmal war es natürlich auch ein Roman. Irgendein einen Fantasy-Schmöker, wie immer, einen von der Sorte, die selbst für Fantasy ziemlich absurd waren.

„Lini!“ zischte ich ihr zu „pass doch ein einziges Mal auf!“
Lina grinste, reagierte aber sonst nicht, sondern las ungerührt weiter, als wäre nichts geschehen.
„Ich höre zu.“ meinte sie nach eine Weile, als ich sie versuchsweise mit meinem bösen Blick anzublicken versuchte, soweit ich eben böse blicken konnte.
Beim Lesen zuhören? Lina hatte wohl ein neues Lieblingsbuch gefunden.
„Wir sollen es aufschreiben!“ flüsterte ich
„Keine Sorge, ich pass auf.“ sagte sie

Ich mache mir ernsthafte Sorgen um Lina. Sie passt nie im Unterricht auf  und schreibt trotzdem Einser, aber naja, erstens ist das unnatürlich und zweitens kann das auf die Dauer nicht gutgehen, oder? Und ich mag sie wirklich, deshalb will ich nicht, dass sie irgendwie abrutscht. Sie legt sich auch ständig mit den Lehrern an. Gleichzeitig ist sie die einzige in unserer Klasse, die bei uns in der Klasse jemals in die Bücher reingeguckt hat, die wir in Deutsch  je besprochen haben, schon seit der siebten läuft das so. Natürlich, Bücher sind das was Lina interessiert.
Und nebenbei ist sie meine beste Freundin. Ach ja, warum? Ehrlich gesagt bin ich mir nicht so sicher. Also, meistens ist Lina ja uncool und so, weil sie immer von irgendetwas abgelenkt ist und immer irgendetwas aus dem Zusammenhang gerissenes von sich gibt, das überhaupt keinen Sinn ergibt…
Ich meine, ich fühle mich für sie verantwortlich. Sie kann manchmal richtig scharfsinnig und schlagfertig sein, wenn sie irgendwie grad in der richtigen Verfassung ist. Und dann wieder ist sie total hilflos und naiv, wie ein kleines Mädchen, das keine Ahnung von der Welt hat, vor allem wenn sie gerade liest. Und sie ist verdammt schlau und gleichzeitig steht sie ständig auf dem Schlauch. Geht jedem hin und wieder mal so, ich weiß, aber bei Lina ist das Ausmaß extrem. Und sie bringt mich immer in schwierige Situationen. Und sie kann nervig sein. Aber sie ist meine beste Freundin.

Unser Lehrer Herr Anneke, hat irgendwie einen Narren an Lina gefressen, weil sie immer solche superschlauen Antworten gibt und er ignoriert einfach, dass sie liest.
Als ich wieder versuchte Lina zum schreiben zu bewegen, zischte sie mich an.
„Du bist nicht meine Mutter!“
Sie war manchmal ein zu groß geratenes Baby.
„Psst!“

Das kam nicht von Lina. Lina saß links von mir, aber links von Lina saß noch Anisa.
„Seid doch mal still“ Anisa funkelte mich an. Sie hatte diese blauen Kontaktlinsenaugen, von denen ich immer gedacht hatte dass sie vollkommen unnatürlich sein mussten, aber sie waren wohl natürlich, denn ich hatte an Anisa noch nie andere Augen gesehen. Und man sah es natürlich auch, wenn man näher hinguckte.
Von da an schwieg ich. Anisa gehört zu den Leuten, denen niemand widerspricht, obwohl sie eher Außenseiter sind. Trotzdem war sie im Vergleich zu Lina in unserer Klasse eher unauffällig.

In der Großen Pause schrieb Lina meinen Hefteintrag ab. Ich hatte eigentlich vor kurzem beschlossen, sie nicht mehr abschreiben zu lassen, aber dann hätte Lina fast von einem der idiotischeren Lehrern eine Sechs bekommen und das brachte ich nicht übers Herz. Also schrieb sie weiterhin ab. Als sie fertig war, nahm sie wie ein Automat ein Buch in die Hand und las. Natürlich liest sie nicht immer, aber was damals geschah sollte sich bei mir tief einprägen, deshalb erinnere ich mich eben daran wie sie las. Irgendwie starrte sie nach einer Weile nur noch auf eine Seite und ich musterte sie verwundert. Sie hing wohl wieder irgendwelchen Gedanken nach. Ich sah es schon kommen, dass sie irgendeine seltsame Frage kommen würde.

„Findest du es nicht seltsam, dass Anisa nicht auf unserem Klassenfoto von der Fünften drauf ist?“ fragte sie mich plötzlich.
„Was?“
Das war‘s mal wieder. Eine von Linas fixen Gedanken. Sie konnte nämlich über alles diskutieren und genau das war der Haken. Die Betonung liegt auf alles. Eigentlich konnte man schon von vornherein wissen, dass es ein vollkommen banaler Grund sein musste, aber trotzdem wollte Lina darüber spekulieren.
Lina zeigte mir ihr Lesezeichen, in diesem Fall das Klassenfoto aus der Fünften.
„Ich dachte Anisa wäre dabei gewesen. Ich weiß noch wie sie und Betty damals dicke Freundinnen waren und auf dem Bild die Arme umeinander gelegt haben“ sagte si
„Echt?“ meinte ich, ohne mir die Mühe zu geben, falsches Interesse vorzutäuschen. Lina weiß, dass ich mich eben nicht so leicht begeistern lasse wie sie.
Natürlich wusste ich, dass Anisa und Betty damals ziemlich gute Freunde gewesen waren. Inzwischen nicht mehr so, weil Betty inzwischen mit ihrer Clique herumhing und Anisa eine Einzelgängerin war. Aber damals schon. Damals waren die beiden die Spaßvögel in unserer Klasse gewesen. Komisch wie fern das zu sein schien. Ich musterte das Bild, ohne irgendetwas zu erwarten, wurde aber mit der Tatsache überrascht, dass Lina Recht hatte. Anisa fehlte wirklich. Betty stand allein. Seltsam, war es in meiner Erinnerung nicht anders gewesen? Aber konnte das sein? Ich dachte an den Tag, aber es fiel mir wirklich nicht viel dazu ein. Es war halt ein Tag gewesen, kein besonderer.

In der nächsten Stunde las Lina nicht. Sie nahm auch nicht am Unterricht teil, wie sie es sonst tat, wenn sie nicht las. Das machte mich nervös. So etwas kam meistens vor, wenn Lina eine komische Idee hatte und ich befürchtete, es würde nicht so schnell vorübergehen. Früher wurden wir manchmal aus dem Unterricht geschickt, weil Lina mit mir unbedingt über irgendetwas reden wollte und dabei immer lauter wurde, weil ich ihr nicht zuhörte. Ich hoffte, sie würde nicht anfangen zu reden. Wenn sie damit anfinge, würde ich ihr zuhören müssen, um nicht hinaus geschickt zu werden. Und das war noch der weniger seltsame Teil ihrer verrückten Ideen. Wenn sie glaubt, sie könnte damit die Welt verändern, stellt sie plötzlich überall peinliche Fragen. Sie  fing auch schon nach einer Weile an. Es fing mit normalen Theorien über Anisas Fehlen auf dem Bild wie „Sie könnte auf dem Klo gewesen sein!“ und setzte zu immer verrückteren Theorien fort „Sie ist verflucht und verschwindet von Fotos!“

In der Pause kam das unvermeidliche Befragen dran. Sie hätte das auch gut ohne mich machen können, aber sie hatte sich unbedingt in den Kopf gesetzt mich von der Wichtigkeit der ganzen Sache  zu überzeugen und redete solange auf mich ein, bis ich mitkam. Tja.
„Das Klassenfoto?“ meinte Anisa gelangweilt „Ich bin doch eh nie auf Klassenfotos drauf. Du weißt doch wie meine Eltern ticken, wenn es um so etwas geht. Wegen meiner Privatsphäre und weil es sich später auf mein Berufsleben auswirkt.“
Aha? Ich musste wohl sehr verwirrt ausgesehen haben, denn gleich darauf fügte sie hinzu:
„Sie wollten nicht, dass ich auf die Homepage von der Schule draufkomme.“
„Ernsthaft?“ fragte ich
„Meine Mutter hat damals ein Riesenaufstand deswegen gemacht, weißt du nicht mehr?“ meinte Anisa.
Vage erinnerte ich mich an so etwas Ähnliches.
„Klar, äh“ meinte ich „komm Lina, ich glaube mehr ist da nicht dran.“
Es war wirklich nervig, wie schnell sie sich da reingesteigert hatte. Ich sah Lina erwartungsvoll an, aber ich sah auf ihrem Gesicht ein misstrauisches Stirnrunzeln.
„Komm mit“
Ich nahm Lina an der Hand und riss sie praktisch mit, aber sie kam nur widerwillig mit.
„Das stimmte nicht!“ rief sie, als wir außerhalb von Anisas Hörweite waren „Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie Betty und Anisa Arm in Arm gegangen sind. Anisa lügt.“
Ich verdrehte die Augen
„Das ganze ist doch eine Kleinigkeit, warum sollte Anisa lügen?“
„Dir ist es erst eingefallen, als Anisa es erwähnt hat!“
„Mir fällt so etwas eben nicht gleich ein. Es doch überhaupt nicht wichtig.“
„Das hätte ich auch nicht gedacht.“ meinte sie
„Aber Anisa hat recht.“ sagte ich eindringlich „Warum sollte sie lügen? Und warum sollte ich lügen?“
„Vielleicht manipuliert Anisa deine Erinnerungen.“ sagte Lina und sah mich mit einem wirklich irren Blick an
„Man Lina, da ist doch nichts!“ sagte ich, aber sie wurde mir langsam unheimlich. Sie wirkte, als wäre sie ernsthaft dabei. Das war mir neu. Sonst machte sie es auf witzige Weise, so dass man hinterher nur dachte, Oh Mann, was war das schon wieder? aber diesmal wirkte das Ganze richtig paranoid.
„Ich bilde mir das doch nicht ein!“
Wieder diese irre Blick
„Da ist definitiv mehr.“ beharrte Lina „Aber du würdest mich doch eh für verrückt erklären.“
„Das ist es doch auch!“ rief ich „pass auf, das entwickelt sich noch zu einem Wahnsinn!“
Da klingelte es zum Pausenende.
„Vergiss es.“ Lina wandte sich von mir ab und ging wieder zurück an unserem Platz, wo Anisa gerade in irgendeinem Notizbuch herumschrieb.

In der nächsten Pause redeten wir nur noch darüber, dass die Jungs sich so gut wie gar nicht veränderten, und bei welchen Jungs es Zeit für den Wachstumsschub war und darüber, was wir auf dem Klassenfoto angehabt hatten, ohne Anisa mit auch nur einem Wort zu erwähnen.
Ich vergaß das ganze ziemlich schnell, obwohl es nur ein paar Tage darauf geschah, dass ich in etwas vollkommen Absurdes hineinschlitterte, mich darin verhedderte und herausfand, dass Lina zu Recht geforscht hatte. Aber ich glaube, damals vergaß ich schnell. Nichts mit Vergangenheit, die einen einholt so wie in Filmen. Ich meine, ich hatte ein ganz normales Leben und es war für mich nur eine weitere Verrücktheit von Lina, also nahm ich es nicht ernst. Es war nicht wirklich so, dass ich Lina ernstnahm. Eigentlich gab sie mir keinen Grund, sie jemals ernst zu nehmen und ich machte mir hauptsächlich Sorgen darüber, dass Lina wegen solchen Eskapaden später wahrscheinlich keinen Job bekommen würde. Früher hatte ich zum Spaß mitgemacht, auch wenn ich es nie ernstgenommen habe, aber ich fand, dass wir zu alt für solche Spiele waren. Für solche Verschwörungstheorien.

Es war ein verregneter  Samstag, als mein Leben sich auf den Kopf stellte. Meine Mutter war mit mir einkaufen. Nur bei uns in der Innenstadt, wo es nicht viel gab, aber das war es immerhin wert. Schließlich sah ich plötzlich Anisa auftauchen. Sie hielt so einen Sportdegen oder so ähnlich in der Hand und rannte, bis sie in einer Seitengasse verschwand. Vollkommen verwirrt blieb ich stehen und starrte ihr nach. Was war das jetzt? Als nächstes rannte Lina an mir vorbei. Wieder starrte ich ihr nach, aber diesmal regte sich etwas in meinem Hinterkopf. Mir fiel ihre Verschwörungstheorie ein. Ich wollte irgendwie nicht glauben, was ich sah. Entweder war Linas letzte Sicherung durchgebrannt, oder es war irgendetwas an Linas vagen Vermutungen dran, was Anisa anging. Beides klang nicht sehr verlockend, aber ich dachte lieber nicht darüber nach. Aber ich spürte einen Impuls in mir, den beiden nachzurennen. Ich hatte das Gefühl, ich konnte nur etwas gewinnen, denn ich würde endlich erfahren, was los war, auch wenn mich das mulmig machte. Aber ich rannte Lina tatsächlich hinterher. Ich verhielt mich so verrückt wie Lina und ließ meine Mutter ohne ein Warnung oder Erklärung stehen. Ich folgte Lina, von der ich nicht wusste, ob sie noch bei Verstand war. Auch wenn die Tatsache, dass Anisa mit ein Degen durch die Gegend rannte, mir etwas mehr Vertrauen in die Möglichkeit, dass Anisa durchgeknallt sein könnte, gab. Trotzdem, ich war entschlossen, einen klaren Kopf zu bewahren. Ich kannte mich eigentlich nicht besonders gut in der Innenstadt aus, aber ich musste nur Lina folgen. Dafür, dass sie sonst eigentlich nicht besonders viel Ausdauer hatte, brachte sie mich ziemlich aus der Puste.  Endlich blieb sie im Eingang zu einem Hinterhof stehen.

„Lina!“ rief ich „Verdammt, was soll das Ganze?“
„Anisa… sie… das kann ich ich nicht so einfach erklären.“ Lina blickte in die Hintertür eines der Häuser die an den Hof angrenzten.
„Sie ist da drin.“ sagte sie
„Willst du einfach so reingehen? Spinnst du ein bisschen?“ fragte ich
„Du willst mir also einfach hinterherrennen“ erwiderte sie und lief plötzlich entschlossen auf die Tür zu
„Ich will wissen woher sie kommt. Wenn man im Rathaus frägt, dann gibt es sie nicht. Wenn ich ihren Nachnamen im Telefonbuch such, finde ich nichts. Und wo wohnt sie? Wir haben in unserer Klassenliste eine Adresse stehen, die angeblich hier in der Stadt sein soll, aber die existiert nicht. Der Ort an dem sie angeblich wohnt, liegt in der Goethestraße 23, aber in der Straße gibt es nur Neunzehn Hausnummern.“
„Das kann schon sein, aber musst du deshalb…“
„…ja.“ Lina starrte mich an und ich stellte fest, dass sie sehr streng gucken konnte, was ich nicht von ihr erwartet hätte.
Ihre Hand lag bereits an der Klinke. Die Tür war offen und Lina ging einfach durch. Ich ging hinterher. Und sah nichts mehr. Sofort wurde es dunkel. Es war keine echte Dunkelheit. Es war eher wie wenn man in Ohnmacht fällt und es einem schwarz vor Augen wird, nur ohne die Bewusstlosigkeit.

Kapitel 2 -Der Garten der Musen

Als ich wieder etwas sehen konnte, war das erste, was ich sehen konnte, jede Menge grün und blau. Schließlich erkannte ich eine Wiese mit Bäumen und einen wolkenlosen, blauen Himmel darüber. Es war kühl und es wehte frischer Wind, aber so wie an einem Frühlings- oder Sommermorgen, mit einer Sonne, die angenehm auf meine Haut schien. Es roch sehr frisch und erdig um mich herum und ich fragte mich ob es wirklich gerade noch ein verregneter Tag gewesen war. Ich drehte mich um, aber die Tür war nicht mehr da. Ich befand mich jedenfalls nicht mehr dort wo ich gewesen war. Wo war die Tür hin? Wo war ich hier gelandet? Es war alles einfach absurd. Ich konnte eigentlich nicht hier sein, oder? Es sei denn ich wäre durch ein Wurmloch gekommen. Ich wollte erst einmal nicht darüber nachdenken. Es ergab einfach keinen Sinn.

Direkt vor mir fiel das Gelände leicht ab und weiter unten floss ein kleiner, flacher Bach mit klarem Wasser in Schlangenlinien dahin. Das ganze sah aus wie eine Landschaftsmalerei. Die Brücke die über den Bach führte, war genau an der richtigen Stelle und einige Meter weiter ließ eine Weide ihre Zweige in den Bach hängen. Und im Hintergrund noch mehr Bäume, die jemand extra so hingestellt hatte, dass sie zusammen ein harmonisches Bild ergaben. Und Wege, die sich entlang der Hügelkuppen in kurven dahinzogen. Und hin und wieder ein Gartenpavillon. Mir fiel ein, dass ich mal mit Mama in einem ähnlichen Park war. So etwas nannte man einen Englischen Garten, weil alles „natürlich“ war. Solche Parks hatten sich die reichen Lords und Ladys in England bauen lassen. Wirklich natürlich waren sie natürlich nicht, aber so stellte man sich das damals vor. Das hatte mir Mama erklärt. Es gab noch Französische Gärten, die geometrisch vermessen waren und die hatten sich die Marquis und Marquisen bauen lassen. Ach ja, und inzwischen gab es sie natürlich nicht nur in England und Frankreich, sondern auf der ganzen Welt. Ich war damals etwas kleiner gewesen und hatte natürlich die blöde Frage gestellt, was ein Englischer Garten in München zu suchen hatte.

Lina hätte mir wahrscheinlich alles über Englische Gärten und Gärten im Allgemeinen herbeten können. Aber sie war nicht zu sehen. Ich drehte mich mehrmals um meine eigene Achse, musste aber feststellen, dass sie nicht in unmittelbarer Nähe war. Wo war sie? Es war eigentlich schon absurd, dass ich mich in einem Englischen Garten befand, ohne zu wissen, wo ich mich denn genau befand, nicht zu wissen, wie man hier gelandet war und dann auch noch keinen Anhaltspunkt hatte, was man tun sollte. Sekunden später hatte ich schließlich einen.

Der Garten war nämlich wirklich sehr groß. Jemand musste ihn also gebaut haben. Und viel Geld dafür bezahlt haben. Es konnte also sein, dass es jemand war, der es nicht gerne sah, wenn jemand unerlaubt seinen Rasen betrat. Oder überhaupt unerlaubt seinen Garten. Ich beschloss, dass es sicherer war, auf den Wegen zu bleiben. Ich stand gerade mitten auf dem Rasen –wenn auch etwas zufällig –und es fühlte sich von Sekunde zu Sekunde verbotener an. Ich wusste überhaupt nicht, wo ich war, aber ich wollte lieber nicht für etwas bestraft werden, gerade weil ich ja eigentlich nicht daran schuld war, dass ich hier gelandet war. Eigentlich hätte ich in einem Hinterhaus in der Innenstadt landen müssen. Aber auch wenn es verrückt war, ich dachte einfach nicht zu viel nach und gut war.

Ich ging auf gut Glück einen der Wege entlang, in der Hoffnung, Lina zu finden, oder sonst irgendjemanden. Vielleicht würde es auch keine so freundliche Person sein, aber irgendjemand würde mir schon helfen können. Mir heraushelfen und sagen wo ich war. Und mir erklären können, warum hier plötzlich so warm war. Mir kommen sonst nicht viele verrückte Gedanken, nicht so wie Lina, aber das hier war eine verrückte Situation und mir fielen Sachen ein wie: „Ich könnte in Australien sein“ oder „Ich könnte mich in einer sehr gut gemachten Illusion befinden.“

Der Weg schlängelte sich durch das kleine Tal (oder eher die Senke, aber egal) und führte nach einer Weile den Bach entlang. Entlang des Weges gab es einen Sechseckigen Pavillon mit Blick zum Bach. Er sah eigentlich nicht besonders interessant aus, aber als ich vorbeigehen wollte, hörte ich plötzlich Anisas Stimme aus dem Pavillon.

„Wirst du mir helfen?“

Ich zuckte zusammen. Erstens wurde mir klar, dass das Ganze hier eigentlich der Riesenschlamassel war, den mir Lina eingebrockt hatte; dass Anisa wahrscheinlich wirklich etwas zu verbergen hatte, denn dass ich hier an diesem Ort war, war ziemlich seltsam und natürlich gab es keine vernünftige Erklärung. Zweitens fühlte ich mich angesprochen, aber da antwortete Lina auch schon. Immerhin wusste ich jetzt, wo die beiden waren, nämlich wenige Schritte neben mir, ohne zu wissen dass ich da war, denn praktischerweise waren die Wege aufwändig gepflastert und nicht geschottert. Was bewies, dass der Besitzer oder die Besitzerin sich wirklich viel leisten konnte.

„Aber worum geht es dir denn?“ fragte Lina, ohne Anisas Frage zu beantworten. „Ich will endlich eine ausführliche Erklärung!“
„Lina, ich weiß einfach nicht alles, was du wissen willst und manches darf ich dir nichts sagen. Wenn ich erst einmal mehr weiß, kann ich dir auch alles erklären.“

Ich verstand die Antwort nicht, aber ich wusste, dass sie dürftig war, auch ohne zu wissen, worum es ging. Dass sie sich stritten war klar.
„Ich nehme dich zu meinen Auftraggebern mit und wenn ich mehr weiß, erkläre ich dir auch mehr. Hör dir einfach an, was sie zu sagen haben. Du kannst dich auch weigern.“
Anisas Auftraggeber?
„Du bist diejenige, die mich ohne zu fragen hierhergelockt hat. Woher soll ich also wissen, ob ich dir vertrauen kann? Wenn es dir darum gegangen wäre, meine Meinung zu wissen, dann hättest du mich vorher gefragt.“

Gut, dass Lina gerade nicht auf dem Schlauch stand. Ich ging davon aus, dass Anisa wirklich etwas im Schilde führte. Und dass sie Lina zu irgendetwas brauchte. Ging es etwa um ein Verbrechen? Es war ein abwegiger Gedanke, denn so kannte ich die beiden nicht, aber es war gerade schon verrückt dass ich hier, an diesem Ort stand und ihnen lauschte, aber ich fürchtete, dass es noch schlimmer sein konnte. Und ich verstand eigentlich nur Bahnhof, was das Gespräch anging. Und ich wagte es schon gar nicht mehr, mit ihnen zu reden, oder mich zu zeigen.

„Ich schwöre dir, dass dir nichts geschieht und dass ich nichts gegen deinen Willen unternehme.“ sagte Anisa „Du kannst dir sicher sein, dass dieser Schwur etwas wert ist.“
„Ich komme mit.“ sagte Lina „aber wenn es mir nicht gefällt, helfe ich dir nicht.“

Ich hörte, wie sie im Inneren des Pavillons Stühle verrückten und aufstanden. Sollte ich mich verstecken? Aber ich war nicht in der Lage einen Beschluss zu fassen und blieb stattdessen stehen, um zu beobachten, wie Anisa und Lina um die Ecke kamen und mich dabei entdeckten. Ich tat so, als würde ich gerade eben wie angewurzelt stehen bleiben. Lina sah mich überrascht an, Anisa sah mich an, als wäre ich ein Problem.

„Ähm…Hallo?“ meinte ich verunsichert
„Du hast gesagt, dass Maika jetzt wahrscheinlich im Hinterhaus ist.“ sagte Lina
„Tja, wahrscheinlich.“ sagte Anisa und verzog ihr Gesicht „wahrscheinlich steht sie gerade hier. Das hier war wirklich nicht geplant.“
„Dass ich hier lande?“ fragte ich „und gerne eine Erklärung für alles hätte?“
Anisa stöhnte.
„Ich habe eigentlich keine Lust dir alles nochmal zu erklären.“ sagte sie „Also stell mir bitte die Frage einzeln. Und lass uns losgehen, ich kann dir deine Fragen auch im Gehen beantworten.“
„Für Lina hattest du Zeit, dich mit ihr hinzusetzen.“ bemerkte ich
„Ja, aber du bringst im Gegensatz zu Lina meinen Plan durcheinander.“ sagte Anisa „und in die Richtung bitte keine weiteren Fragen. Die werde ich dir nicht beantworten.“

Sie setzte sich in Bewegung. Ich musste ihr wohl oder übel folgen, wenn ich antworten haben wollte. Lina schien aus irgendeinem Grund nicht mit mir reden zu wollen, jedenfalls senkte sie den Kopf und lief stumm neben uns her.

„Wo bin ich?“ fragte ich
„Das hier ist Parnass, der Garten der Musen. Und das Land hier heißt Gartenland.“
„So ein Land gibt es doch nicht!“ rief ich
„Hier schon“ sagte Lina leise.
Ich sah Lina an. Ich wusste, woran sie immer dachte, was in ihren Büchern immer und immer wieder vorkam.
„Sagt nicht dass das eine andere Welt ist.“ sagte ich. Ich versuchte es lässig und scherzhaft rüberzubringen, aber es klang schließlich eher gequält. Ich wollte es nicht glauben. Auch wenn es das einzige war, was mir einfiel.
„Doch“ sagte Anisa ruhig. „Auch wenn das nicht unbedingt heißt, dass das einen Unterschied machen würde.“
„Nicht dein Ernst.“ sagte ich, obwohl es nur ein Reflex war.
„Ich bin nicht in der Stimmung, Witze zu machen.“ sagte Anisa
„Und wie heißt das Land hier noch einmal? Gartenland?“ fragte ich
„Ja“ sagte Anisa
Ich sah mich um. Der ganze Park und die gezähmte Natur, die eine natürliche darstellen sollte.
„Heißt das, dass es hier nur Gärten gibt?“
„Hier in diesem Land jedenfalls.“
Alles klar. Natürlich, kein Problem. Als ob Lina für sich allein nicht schon verrückt genug war.
„Es ist kein nettes Land mit lauter Feen und Elfen die in den Bäumen hocken, klar?“
„Sicher“ sagte ich „Hat Lina das geglaubt?“
Ich erntete von der sogenannten einen finsteren Blick. Sofort schämte ich mich für meine Frage.

Ich stellte von da an keine Fragen mehr. Es war mir unangenehm, dass ich meine verdammte Klappe nicht hatte halten können. Es war wirklich bescheuert anzuecken, vor allem, wenn man sich plötzlich in einer anderen Welt befand. Nicht dass ich keine Fragen gehabt hätte. Und nicht dass ich nicht ein Problem gehabt hätte, das wirklich in meinen Kopf zu bringen, ohne wahnsinnig zu werden. Denn zum einen wusste ich genau, dass ich nicht träumte. Wie jemand in einer solchen Situation darauf kommen konnte, dass er träumte? Es war klar dass es kein Traum war. Gleichzeitig war mir sehr klar, dass es eigentlich unmöglich war, dass ich mich in einer anderen Welt befand. Es durfte eigentlich nicht Sommer sein und auch nicht morgen. Es durfte keinen Garten der Musen geben. Was waren Musen eigentlich nochmal? Ich war mir sicher, dass Lina bescheid wusste, aber ich hatte mich jetzt in ein nicht endendes Schweigen begeben, dadurch, dass ich keine weiteren Fragen gestellt hatte. Wir schwiegen alle nur noch und liefen in rascher Geschwindigkeit durch den Park.

Ich hätte gerne irgendetwas gefunden, das mir die Möglichkeit geboten hätte, diese andere Welt für eine Illusion zu halten, oder zu glauben, dass das hier nur ein Englischer Garten irgendwo war, aber es wirkte einfach nicht so. Eine Illusion war es definitiv nicht. Die Sonne schien mir warm auf die Haut und die Vögel zwitscherten echt und der Wind war echt. Und ich konnte mir schwer vorstellen, dass ich je von einem solchen Park gehört hätte. Er war wirklich sehr groß und wir konnte kein Ende finde, obwohl wir sicher bereits zwei Mal von Horizont zu Horizont gelaufen waren. Ich war schon ziemlich erschöpft und es machte mich fertig, dass wir uns angeblich in einer anderen Welt befanden. Und Anisa hatte es ernst gemeint. Sie hatte ausdrücklich betont, dass es kein Witz war und ich glaubte nicht, dass sie einen Grund zum lügen hatte, so unrealistisch mir alles schien. Und sie legte weiterhin ein flottes Tempo vor. Sie hatte vorhin ein wenig angedeutet, dass wir hier nicht ganz willkommen waren und ihre Eile bestätigte das. Natürlich würde sie es mir aber nicht erklären.

Irgendwann liefen wir nur noch einen Hügel hinauf. Dabei blickte ich zurück und sah, wie groß dieser Park war. Es war alles Teil eines Parks. Eines gigantischen Parks. Und es gab Hügel darin. Okay, es war trotzdem ein Park, aber es war beeindruckend. Es waren nämlich keine Teletubbie-Hügel, sondern Hügel bei denen man aus der Puste kam. Der ganze Park musste mehrere Quadratkilometer umfassen. Und es war ein einziger, riesiger Park. Wie der Central Park in New York, nur dass ich wusste, dass dieser keine Hügel hatte und nicht so perfekt war. Dieser hier war auch nicht vollkommen perfekt, aber kam der Perfektion näher als jeder andere Park, den ich je gesehen hatte. Ich weiß, da komme ich ein wenig ins schwärmen, aber ich fand ihn einfach großartig.
Ich wusste nicht, dass es noch der uninteressante Teil der Tatsachen war. Während wir hinaufstiegen, stellte ich fest, dass wir auf einen Zaun zugingen. Ich vermutete, dass es da steil hinunterging. Anisa erwähnte mit keinem Wort, was mich dort wirklich erwartete.

Ich beugte mich über das Geländer und sah nach unten. Zuerst nahm ich an, dass wir auf einer vorstehenden Klippe standen, denn ich konnte keine Felswand unter mir erkennen. Dann sah zum Boden hinab. Und er war sehr weit entfernt. Ich war schon einmal in einem Ballon mitgefahren. Und dieses Gefühl kannte ich. Und ich hatte bereits eine Idee, was es war, auch wenn es zu viel für mich war. Okay, wenn Anisa Lina und mich in eine andere Welt entführte, weil sie einen Auftrag hatte, für den sie Linas brauchte, war das, auch wenn ich nicht verstand, wozu und warum genau, eine Sache. Eine andere Welt hätte ja auch –ich weiß nicht –normal sein können. Aber mich beschlich der Verdacht, dass ich mich auf einer fliegenden Insel befand. Das war eine andere Sache. Bei dem Gedanken klappte mir die Kinnlade auf. Aus Angst vor der Antwort fragte ich Anisa nicht. Sie las mir aber meine Frage irgendwie von meinen Lippen ab.

„Ja, Parnass ist eine schwebende Insel.“
Da merkte ich, dass mir der Mund offen stand.
„Alles klar.“ sagte ich, als hätte ich nur deswegen den Mund geöffnet. Ich starrte hinunter.
Auch das noch
In Filmen sah man so etwas oft. Aber dass ich es selber einmal erleben würde? Es war einfach verrückt. Ich konnte diesen Satz einfach nicht oft genug denken.
„Komm weiter.“ sagte Anisa „Es ist wirklich eine schwebende Insel, aber wir sind hier nicht auf Touristentour.“
Okay, es war alles natürlich ganz normal, oder? Ich warf einen Blick auf Lina. Lina starrte fasziniert hinunter und sah so aus, als wäre der größte Traum ihres Lebens ihr erfüllt worden. Dann runzelte sie die Stirn.
„Leben die Musen nicht auf dem Berg Parnass?
„Das hier ist Parnass die Insel der Musen. Was immer man bei euch erzählt stimmt nicht ganz.“ antwortete Anisa „Das hier ist Parnass, die Insel und der Garten der Musen.“

Ich blickte noch einmal nach unten. Tief unter uns befand sich ein grünes Land mit vielen Bäumen und vielen Gärten. Gartenland. Himmel, wer dachte sich so einen Namen für ein Land aus? Aber vom runtergucken wurde mir übel und ich wandte den Blick ab. Hätte noch länger dort hinabgeguckt, hätte ich keinen Schritt weitergehen können. Schon jetzt wurden mir die Knie weich. Und hinuntergucken konnte ich später auch.
„Da lang.“ sagte Anisa und wies mit der Hand den Weg entlang, der nun am Zaum weiterging. Ich folgte ihrer Hand und sah etwas, das mir wieder die Knie weichwerden ließ. Nicht weil es beängstigend gewesen wäre, aber weil es mir zu viel des Guten war. Es gab einen Holzsteg, der von der Insel wegführte, wie ein Steg aufs Wasser. Und am Steg waren tatsächlich Boote festgemacht. Schwebende Boote.
„Wir müssen hier möglichst bald weg.“ sagte Anisa „ich habe eine Abmachung mit den Musen, aber“ sie drehte den Kopf verstohlen zur Seite „die ist sehr befristet und beschränkt und…ehrlich gesagt habe ich sie schon quasi überzogen.“

Als wir ihr folgten, wie sie so zügig wie zuvor an den Steg hinunterging, da fragte ich mich langsam, warum sie so wenig beeindruckt von alldem hier sein konnte. Ich wusste, dass Dinge, die man gewohnt ist, nicht mehr als Wunder betrachtet, selbst wenn sie welche sind. Das Anisa diese Dinge vorher schon gekannt haben musste, dass hatte ich geahnt, schließlich hatte sie mir meine Fragen beantwortet. Aber sie war hier wohl sehr oft. Es war für mich auch nicht super, denn ich wusste nicht, was jetzt mit meiner Mutter war, die jetzt irgendwo in der Innenstadt stand und sich fragte, wo ich abgeblieben war, aber ich hatte wenigstens was zum gucken. Anisa dagegen wirkte vollkommen ungerührt von der Schönheit des Parks und auch von der Tatsache, dass wir uns eigentlich in der Luft befanden. Das kam mir doch ein wenig unnatürlich vor, denn selbst wenn man schon tausend Sonnenuntergänge gesehen hat, kann man sie immer noch schön finden. Anisa kam mir ein wenig gefühllos vor. Gut, ich erwartete nicht, dass sie in Tränen ausbrach, aber eine Reaktion hätte ich schon erwartet. Ich konnte mir nicht einmal für eine andere Welt vorstellen, dass fliegende Inseln etwas Alltägliches waren. Na gut, dachte ich, sie war wahrscheinlich schon vorher mal hier gewesen. Aber es blieb in meinen Gedanken hängen.

Es war beängstigend, den Holzsteg entlangzugehen, denn er hatte kein Geländer. Ich betrachtete die Boote, auch wenn mir dadurch schwindelig wurde. Die Boote waren alle reich verziert, groß und farbig lackiert. Ich zählte zuerst neun, dann bemerkte ich, dass es am Ende des Steges noch ein zehntes gab. Es bildete einen Gegensatz zu denn anderen, denn es war klein und schlicht, dafür etwas schlanker und eleganter. Das war das, worauf Anisa zusteuerte. Es hatte, anders als die anderen Boote, Segel und einen Mast. Auf dieses Boot steuerte Anisa zu. Anisa musterte es wie einen alten Bekannten und begann sofort, an den Seilen und Segeln herumzuknoten. Sie war sehr sicher und zielstrebig und ich wusste eigentlich sofort, dass es ihr Segelboot sein musste. Trotzdem wollte ich mich wieder versichern und fragte sie möglichst beiläufig danach.

„Bist du oft hier?“ fragte ich
Lina setzt zum reden an, als wüsste sie die Antwort, wurde aber sofort unterbrochen.
Ganz plötzlich und ohne dass ich es begriff, brach Anisa in Lachen aus; in ein hysterisches Hexenlachen, das mich erschreckte und mir etwas unheimlich war, denn so kannte ich Anisa nicht. Sie lachte mindesten drei Minuten lang auf diese weise. Erst danach beruhigte sie sich ein wenig, bis sie schließlich nach Luft schnappte.
Schließlich sah sie mir in die Augen. Es war mir unangenehm, aber ich blickte erwartungsvoll zurück. Irgendetwas musste das Lachen doch zu bedeuten haben.
„Tut mir Leid.“ sagte sie „ich dachte du hättest es vielleicht begriffen.“ Anisa grinste mich schief an.
Was denn? Sag es doch endlich!
„Ich komme von hier.“ sagte sie schließlich „hier in dieser Welt wurde ich geboren und hier bin ich aufgewachsen.“
Ich starrte sie an. Sie starrte mit ihren eisblauen Augen zurück.
Augen eines Mädchens aus einer anderen Welt.

Es ergab ja Sinn. Wenn Anisa hier aufgewachsen war, dann musste es ja irgendwo Lücken und Schwachstellen in ihrem Lebenslauf geben. Und weil sie Lina gebraucht hatte, hatte sie einige dieser Schwachstellen offengelegt, extra für Lina, damit Lina darüberstolperte und ihr hierher folgte. Und ich war unabsichtlich mitgekommen. So weit verstand ich es, auch wenn es immer noch Unstimmigkeiten gab und ich immer noch nicht alles verstand. Es erklärte einiges. Ich kam mir ein wenig trottelig vor, denn ich hätte wirklich selber darauf kommen können.
„Sie hat die Erinnerungen von allen manipuliert.“ flüsterte Lina mir leise zu. „damit wir nicht merken, dass sie nicht aus unserer Welt ist. Sie war eigentlich erst seit drei Wochen bei uns, als ich das mit dem Lesezeichen herausgefunden habe. Sie hat mir erklärt, dass es irgendwie ein Universalbann ist, der die Existenz von bestimmten Informationen verhindert.“
Wie einfach die Welt doch ist, vor allem für Lina.
„Kommt, beeilt euch.“ sagte Anisa angespannt „wir sind schon viel zu lange hier. Ich erklär euch später warum. Steigt ein“
Später habe ich heute schon oft gehört.
Dennoch beschloss ich, erst einmal das zu tun, was Anisa sagte. Mir blieb gar nichts übrig. Lina und ich waren ohne sie eigentlich aufgeschmissen. Und sie wusste es.
Lina kletterte als erste auf das Segelboot. Ich blieb erst einmal stehen und beäugte argwöhnisch den Abgrund. Es war wohl eindeutig ein Unterschied, ob man auf einem breiten Holzsteg stand, der blickdicht war, oder ob man über einen hunderte Meter hohen Abgrund in ein schwebendes Segelboot klettern sollte. Eigentlich hatte ich ja keine Höhenangst, aber das hier war ein bisschen viel. Hatten die Leute hier noch nie etwas von Flugsicherheit gehört? Ich wagte mich vorsichtig etwas näher an den Rand, nur um festzustellen, dass ich doch sehr viel Angst hatte. Ich zögerte.
„Komm schon, jetzt ist nicht die Zeit…“ fing Anisa leise um sich selbst laut zu unterbrechen. „Duck dich!“ rief sie plötzlich.
Ich war so blöd und folgte ihrem Blick, anstatt mich einfach zu ducken. Ich tat auch nichts, als ich den riesigen roten Vogel auf mich zustürzen sah. Ich sah vor lauter Schreck nur bewegungslos zu, in der Erwartung, dass der Vogel auf mich krachen würde. Er hatte einen langen, spitzen Schnabel, der so aussah, als stünde er einem Messer in nichts nach. Bevor mich der Schnabel erreichte, wurde er von etwas aufgehalten. Ich stieß einen lauten Schrei aus.

Als ich mich etwas von dem Schreck erholt hatte, erkannte ich, dass es Anisas Fechtdings gewesen war. Anisa hatte, da sie geistesgegenwärtiger als ich war, dem Vogel aufgespießt. Blut tropfte herunter auf den Steg, aber sie beachtete es.
„Sofort einsteigen“ sagte Anisa und wollte mich am Arm packen. Sie stieß abrupt gegen eine unsichtbare Barriere.

„Zu spät“
Die Stimme kam vom anderen Ende des Steges. Wir drehten alle den Kopf dorthin. Am anderen Ende des Stegs war eine Frau aufgetaucht. Sie hatte lange schwarze Locken, und trug dazu ein schwarzes Kleid und eine Maske, soweit ich das jedenfalls sehen konnte. In ihrer Hand hielt sie ein Schwert.
„Melpomene.“ sagte Anisa
„Die Singende.“ meinte Lina
„Es ist doch eine Abwechslung, jemandem zu begegnen, der meinen Name nennt.“ sagte die Frau, während sie näher kam. „Stymphalische Vögel sind doch so teuer.“
Sie sah nicht so aus, als täte es ihr um diesen Vogel leid. Ich musste nicht nachdenken, um zu wissen, dass es ihr um etwas ganz anderes ging.
„Es war ein Versehen“ schoss Anisa los und warf mir einen flüchtigen Blick zu. „Keine Absicht. Lass mich erklären und dann werde ich dir geben was du verlangst, aber lass uns bitte gehen.“
„Es spielt keine Rolle.“ sagte Melpomene „Wir hatten eine klare Abmachung. Ich dachte, du würdest die Regeln kennen.“
„Doch.“ sagte Anisa leise
Welche Regeln?
„Aber wie das Schicksal mal wieder mit dir gespielt hat, oder wie?“ meinte Melpomene
Es gab eine kleine Pause, in der Melpomene nur Anisa ansah. Überhaupt hatte sie die ganze Zeit Lina und mich kein einziges Mal beachtet.
„Du kannst mit mir machen, was du willst.“ sagte Anisa, mit gesenktem Blick.
Was soll das jetzt?

Was hatte diese Melpomene vor? Soweit ich verstand, war sie eine Muse, aber was bedeutete das dann? Ich hatte doch keine Ahnung von dieser Welt hier! Falls ich jetzt noch Zweifel gehabt hatte, dass es eine andere Welt war; falls ich irgendwo im Hinterkopf noch gedacht hatte, dass wir uns vielleicht einfach auf einem Berg befanden und durch ein seltsames Ereignis dort gelandet waren, Melpomenes Auftreten räumte die Zweifel aus. Sie war einfach zu fremdartig. Ihre Kleidung, ihre Bewegungen und alles was sie ausmachte, alles war zu seltsam und gleichzeitig zu ernst, um unecht zu sein. Ich hatte sowas von Recht gehabt. Ohne Anisa war ich aufgeschmissen. Und nun hatte sie eindeutig die Kontrolle verloren. Das hier hieß wohl, dass Melpomene am längeren Hebel saß. Das war das einzige, das ich begriff. Es gab immer noch jede Menge Dinge, die ich nicht verstand. Warum ließ Anisa so plötzlich alles geschehen? Konnten wir denn nicht mehr abhauen?

Ich wollte loslaufen und auf das Boot klettern. Es schien eigentlich ganz einfach. Anisa würde das Boot hoffentlich steuern und… Es ging nicht. Ich konnte mich nicht bewegen. Meine Arme konnte ich noch bewegen –aber meine Beine waren wie eingefroren. Ich konnte sie nicht einmal mehr anspannen und merkte, dass ich sie auch nicht mehr spürte.
„Sie kontrolliert dich.“ sagte Anisa
Ich runzelte die Stirn
„Sie kontrolliert deine Bewegung. Sie ist eine Muse.“ fügte sie hinzu, als könnte das alles erklären.
Ich starrte meine Beine an, die plötzlich irgendwie Fremdkörper geworden waren. Diese Welt hier begann immer konkreter und beängstigender zu werden.
„Gibt hier irgendetwas, das es hier nicht gibt?“ fragte ich
„Du würdest dich wundern.“ sagte Anisa. Nach eine Weile fügte sie hinzu:
„Einiges. Aber wohl das, was du nicht erwarten würdest.“

Melpomene zog ihr Schwert. Es machte mich nervös, die scharfe Klinge zu sehen. Melpomene beachtete mich so beiläufig nicht, dass ich dachte, sie könnte mich auch mal beiläufig töten. Mit erhobenem Schwert ging Melpomene auf Anisa zu. Melpomene könnte auch Anisa beiläufig töten. Und das war nicht witzig. Das Schwert war echt, daran hatte ich keine Zweifel. Stattdessen köpfte Melpomene Anisas Segelboot. Nun wurde klar, dass es das Segel gewesen war, das Anisas Boot in der Luft gehalten hatte. Denn das Boot sank urplötzlich in die Tiefe, außerhalb meiner Sichtweite.

Kapitel 3 -Amnesische Hunde

Ich bemerkte zunächst nicht einmal, dass sich meine Beine ohne mein zutun bewegten. Aber dann merkte ich, wie ich Melpomene hinterherlief. Melpomene lief da gerade schon die Treppen hoch. Ich hatte überhaupt keine Kontrolle mehr. Meine Beine bewegten sich, Ich sah noch hinunter. Irgendwo stürzte gerade Anisa mit Lina ab, aber ich konnte mich bewegen.„Wenn Anisa klug ist, wird ihr nichts geschehen.“ sagte Melpomene ruhig.
„Willst du sagen, dass sie dumm war?“ fragte ich
„Ich sagte, dass ihr nichts geschehen wird.“ sagte Melpomene „hier in dieser Welt gelten andere Gesetze.“
„Aber gefallen sind sie trotzdem“ widersprach ich
„Das heißt ja nicht, dass ihnen etwas geschehen wird.“ sagte Melpomene „sie werden fallen, aber hier in dieser Welt wird die Luft sie tragen. Sie werden lebend unten ankommen.“
„Das heißt also, sie sterben erst wenn sie ganz unten sind?“ fragte ich, halb im Scherz, halb hysterisch.
„Sie werden nicht sterben.“ sagte Melpomene „ihre Überlebenschancen stehen besser als deine.“

Das war ja ermutigend. Ich kapitulierte. Ich beschloss Melpomene zu glauben. Ich hatte also momentan geringere Überlebenschancen als Anisa und Lina. Sie hatte meine Beine in ihrer Kontrolle und hätte sonst keinen Grund gehabt, mich zu beruhigen oder zu beschwichtigen. Meine Beine zuckten ihr einfach hinterher. Und wenn sie selbst Anisa, die von hier herkam kontrollieren konnte, dann musste sie wohl eine gewisse Art von Macht besitzen, gegen die ich wahrscheinlich nicht ankommen würde. Aber offenbar erstreckte sich diese Macht weder auf meinen Mund noch auf meine Gedanken.
„Willst du mich umbringen?“ fragte ich
„Hoffentlich nicht.“ sagte Melpomene
Was war das denn für eine Aussage? Hoffentlich nicht? Alles klar. Ich beschloss einfach davon auszugehen, dass sie es nicht wollte.
„Wozu das alles hier?“
„Ich muss wissen, wer du bist.“ sagte Melpomene.
„Maika Zalewski“ sagte ich
„Das ist nur dein Name“ sagte Melpomene und wandte sich mir zu „Ich muss aber dein Wesen kennen.“ Unter ihrer Maske konnte ich ihre braunen Augen sehen, die kurz aufblitzten. Was hatte das zu bedeuten? Lachte sie oder war das ein missbilligender Ausdruck? Man konnte es einfach nicht sagen. Auf ihrer Maske  waren Tränen aus Glas –oder war das Kristall? –angebracht, was mich noch mehr verwirrte.
„Was geht dich das an?“ fragte ich
„Du könntest ein Risiko sein“ sagte sie „bei Lina wusste ich, wer sie sein würde. Aber du bist ohne Vorwarnung gekommen. Du könntest gefährlich sein.“ Sie drehte sich wieder um und lief weite
„Das ist absurd.“ sagte ich „du kontrollierst gerade eben mal so meine Beine und dann sagst du, ich könnte für dich gefährlich sein“
„Ich könnte auch deinen Kopf und deinen Mund kontrollieren, wenn das nicht gegen den Kodex verstieße“ sagte sie
„Und warum bin ich dann ein Risiko für dich?“ fragte ich
„Es ist das, was du sein könntest.“ sagte Melpomene „und ich könnte dich töten.“
„Das verstößt nicht gegen deinen Kodex?“ fragte ich
„Nein.“
Komischer Kodex. Ich beschloss keine Fragen zu stellen, einfach weil es keinen Zweck hatte.

Ich folgte –oder eigentlich meine Beine, denn ich hatte überhaupt keine Kontrolle mehr über sie –Melpomene immer tiefer in den Garten zurück. Melpomene nahm einen völlig anderen Weg, als den, den ich mit Lina und Anisa gekommen war und ich wusste, dass ich wahrscheinlich überhaupt keine Chance gegen Melpomene hätte, selbst wenn sie nicht meine Beine kontrollieren könnte. Ich starrte meine Beine an, die einfach Schritt für Schritt Melpomene folgten. Und ich konnte rein gar nichts tun. Und ich wusste nicht was mich erwartete. Es war zum schreien, aber ich brachte nur einen Seufzer heraus. Da zuckte mein Fuß. Nur für einen kurzen Moment –aber ich bemerkte es. Dann liefen meine Beine weiter. Ich probierte, meine Beine anzuspannen. Diesmal stolperte ich –meine Beine stolperten. Ich konnte einfach nicht anders, als sie fremd zu betrachten, sie schienen nicht mehr ganz zu mir zu gehören. Melpomene bemerkte es nicht. Jedenfalls schien sie es nicht zu bemerken. Vielleicht war es einfach ihr großes Talent, Dinge nicht zu beachten.
Ich probierte es noch einmal. Diesmal blieb ich stehen.
Melpomene drehte sich um.

„Das habe ich befürchtet.“ sagte sie „Ich glaube, du stellst ein wirklich großes Risiko dar.“ sagte sie
Sie hatte ein Schwert und konnte mich umbringen. Wer stellte also für wen das größere Risiko dar?
Ich versuchte rückwärts vor ihr zurückzuweichen. Ganz langsam, als würde ich in einem Fluss gegen den Strom waten, schaffte ich einen Schritt.
„Du bist wirklich zu stark und zu gefährlich.“ sagte Melpomene „und kein Kodex, der dich bindet.“
Der Strom wurde plötzlich stärker und riss mich wieder einen Schritt nach vorne. Ich begann stärker dagegen anzukämpfen und bemerkte, dass ich tatsächlich gegen ankam. Das war unheimlich, denn wenn Melpomene so gefühllos war…
Plötzlich hing ich frei in der Luft.
„Stark, aber ungeschickt.“ kommentierte Melpomene nur. Aber natürlich erklärte sie nicht, worin ich denn so ungeschickt war.

Plötzlich fielen wir einfach. Im einen Moment sah ich Maike, wie sie das Gesicht verzerrte und im anderen Moment starrte ich gegen eine Wand aus Fels. Anisas Boot fiel und irgendwie schien es, als würden wir, obwohl die Unterseite der Insel nach unten hin schräg zur Mitte abfiel, schienen wir immer noch an der Wand entlangzufallen. Es musste hier irgendwelche Fallwinde geben, die uns irgendwie immer weiter nach unten trugen. Ich erstarrte vor Schreck und starrte nur noch nach unten auf den Boden. Obwohl er so weit entfernt war, dass er mir keine Angst machte, tat das meiner Zuversicht nicht gut. Und dann war die Felswand, an der entlang wir fielen, und die die ganze Zeit zeigte, wie schnell wir gerade fielen. Wenn ich Gartenland jetzt von oben betrachtet, hatte ich plötzlich eine ganz neuer Perspektive. Vorhin war Alles nur Wunder über Wunder gewesen. Eine fliegend Insel und eine Muse. Auf den ersten Blick beflügelte das meine Fantasie aufs höchste. Es war fast schon peinlich, woran ich alle gedacht hatte. Feen in den Bäumen und Einhörner. Mann, Maika hatte Recht, ich konnte ziemlich kindisch sein. Wenn ich jetzt so mit der Felswand neben mir, die schon verschwamm, weil wir so schnell fielen, daran dachte, wurde ich knallrot, auch wenn es irgendwie nicht der richtige Zeitpunkt war, um sich zu schämen. Vor allem nicht, weil ich bald sterben würde.

„Hör mir zu!“ rief Anisa neben mir laut „Hör auf runterzustarren und sieh mich an!“ Ich drehte mich zu ihr und mir wurde klar, dass wir immer noch auf einem Boot waren.
„Da unten kommen Fallwinde. Wir sind jetzt schon drin, aber noch haben wir eine Chance, rauszukommen.“
Was wollte sie mir sagen?
„Vergiss nicht, dass das hier eine andere Welt ist.“ erinnerte sie mich „hier haben wir noch eine Chance zu überleben.“
Anisa atmete einmal tief durch. Ich sah, dass sie sich gerade zu beherrschen versuchte und dass sie kurz davor stand die Nerven zu verlieren. Wir hatten also eine Chance. Aber nur eine Chance.
„Nimm meine Hand.“ sagte sie. Dann stieß sie sich zuerst vom Boot ab, sodass wir keinen Boden mehr unter den Füßen hatten, nicht einmal einen, der unter uns wegfiel. Dann stieß sie sich von der Felswand ab.

Wir fielen mit so hoher Geschwindigkeit runter, dass ich wieder vergaß, dass Anisa gesagt hatte, dass wir eine Chance hatten und die Angst stieg in mir hoch. Vor lauter Panik ließ ich Anisas Hand los. Ich erkannte erst an Anisas wütendem Blick, dass das nicht klug gewesen war.
„Breite deine Arme aus!“ schrie sie mir zu „Breite deine Arme aus und mach dich so weit wie möglich! Du kannst sicher landen, aber du musst langsamer fallen“

Ich hätte mich am liebsten zu einer Kugel zusammengerollt und so klein gemacht wie möglich. Das tat ich auch erst, bis ich merkte, dass ich dadurch mit katastrophal erhöhter Geschwindigkeit fiel. Ich versuchte mich weit zu machen, aber ich hatte plötzlich furchtbare Angst davor. Also fiel ich auf den Erdboden zu, der immer näher kam und starrte mit offenem Mund und aufgerissenen Augen runter, ohne etwas zu tun, nicht einmal schreien konnte ich, denn durch den Wind von unten konnte ich nicht einmal normal atmen. So fiel ich etwa zwei oder drei Sekunden runter. Wenn Anisa nicht gewesen wäre, wäre ich wahrscheinlich in meinen sicheren Tod gefallen, aber stattdessen ließ sie sich kurzzeitig fallen, um zu mir herunterzukommen. Sie fing an in einer fremden Sprache zu fluchen, die ich nicht verstand und packte mich an den Händen, bis ich reagierte. Schließlich schaffte ich es mich verkrampft in eine sichere Lage zu bewegen. Es war, als hätte ich plötzlich einen Fallschirm. Plötzlich fiel ich im Zeitlupentempo. Wie funktionierte das? Ich starrte fasziniert nach unten. Es war fast fliegen, so wie ich da langsam fiel, wie eine Feder oder eine Ameise fiel. Als wir nur noch zwei Meter über dem Erdboden waren, drehte ich mich wieder auf die Füße und fiel auf den Boden, ohne dass ich außer einigen kleinen Kratzern ernsthaften Schaden davongetragen hätte.

„Das war die bescheuertste Aktion, die ich je erlebt habe.“ sagte Anisa bissig, als wir uns beide aufgerappelt hatten.
„Ich bin nicht von hier.“ sagte ich
„Aber du hattest es schon kapiert, oder?“ fragte sie
Hatte Anisa je von Angst gehört? Aber ich hatte keine Lust, darüber zu diskutieren. Anisa sah mich gerade eher wütend und genervt an.
„Beim nächsten Mal einfach keine Angst haben.“ sagte Anisa und sah mich mit ihren blauen Augen an. Früher hatte ich immer versucht, herauszufinden, ob es Kontaktlinsen waren, aber inzwischen akzeptierte ich die unnatürliche Farbe. Nur jetzt passte es gar nicht, denn ich hatte das Gefühl, Anisa würde meine Gedanken lesen.

Wir standen wieder in einem Garten. Wie der Zufall es wollte, waren wir direkt auf einem Weg gelandet. Dieser Garten war gezähmte Natur. Überall waren kugelförmig und eckig gestutzte Hecken, die geometrische Muster und Knoten bildeten. Der Weg verlief schnurgerade, jedenfalls bis er rechtwinklig nach links bog. Er war gesäumt von Marmorstatuen, die nackte Frauen und Männer darstellten –griechischen Göttern? Wenn es hier schon Musen gab, gab es dann auch die anderen Figuren der griechischen Mythologie? Götter aus Fleisch und Blut?
Der Garten um uns herum war klein und von einer Hecke umrahmt, sodass wir keine richtige Aussicht hatten, außer dem Himmel. Der Himmel war immer noch blau und wolkenlos und es war seltsam hochzublicken, denn neben der Sonne hing Parnass.
„Was ist mit Maika?“ fragte ich
„Wir können gerade nichts tun.“ sagte Anisa „Wir treffen uns erst einmal mit meinen Auftraggebern.“
Ich sah, wie Anisa sich entspannte, als wäre ihr dieser Ort vertraut.
„Kennst du diesen Ort?“ fragte ich
„Ja“ sagte sie „Es ein Teil von Eleanes Garten. Meiner Auftraggeberin. Bleib stehen wo du bist.“

Bevor ich fragen konnte, was sie meinte, tauchte ein kleiner, weißer Hund hinter eine der kugeligen Büsche auf, von der Größe eines Chihuahuas, nur dass er keine so spitze Schnauze hatte, sondern eher flach, wie bei einem, nun ja, wie bei einem kleinen Hundewelpen.
Er schnüffelte zuerst an mir und dann an Anisa herum. Dann verschwand er hinter einem Busch.
Plötzlich tauchten hinter mehreren dieser Büsche, mehrere dieser weißen Hunde auf. Es waren mindestens zwei Dutzend Hunde, die sich im Kreis um uns herum versammelten. Es war schon unheimlich. Kein einziger bellte uns an und kein einziger knurrte. Ich sah wie Anisa kurz die Stirn runzelte.
„Was ist?“ fragte, nun noch mehr beunruhigt
„Nichts.“ sagte sie, auch wenn uns beiden klar war, dass das nicht stimmt. Ich fragte nicht weiter.
Ohne die Hunde zu beachten, lief Anisa langsam den Weg entlang, auf einen Weg zwischen zwei Hecken zu. Ich folgte ihr. Die Hunde folgten uns stumm, wie eine Eskorte.
„Was sind das für Hunde?“ flüsterte ich
„Das sind Eleanes amnesische Hunde.“
„Amnesische Hunde?“ fragte ich „Amnesie, wie Gedächtnisverlust?“
„Ihr Biss bringt einen Gedächtnisverlust. Man beginnt einfach Erinnerungen aus seinem Leben zu vergessen und sie haben selber kein Gedächtnis und keine Seele. Sie haben so etwas wie ein…Programm, nachdem sie handeln. Sie denken nicht und ihre Instinkte sind auch abgestellt.“
„Nicht einmal Instinkte?“
„Nein.“
„Und was steht gerade in ihrem Programm?“ fragte ich. Ich konnte nicht verhindern, dass ich ängstlich klang.
„Dass sie sich auf uns stürzen und in Stücke reißen sollen. Da wir unerwartete Besucher sind, gelten wir als Eindringlinge.“
Ich sah mich um und sah die Hunde um mich herum mit weit aufgerissenen Augen an. Meine Hände waren feucht und im Nacken spürte ich Schweiß.
„Was hält sie davon ab?“ fragte ich
„Ich“ sagte Anisa

Ich dachte an Melpomene, die Maika daran hatte hindern können, sich zu bewegen, ohne sie zu berühren. Anisa konnte das also auch. Aber ich hatte auch gesehen, wie sehr Maika sich dagegen gewehrt hatte, so vergeblich es auch gewesen war.  Und auch wenn diese Hunde klein waren, zusammen waren sie vielleicht sogar schwieriger unter Kontrolle zu halten wie Maika.
„Ist das sicher?“ fragte ich und musterte die leeren schwarzen Augen der Hunde „ich meine, wehren sie sich denn nicht?“
„Willenloses wehrt sich nicht.“ antwortete Anisa
„Sie haben keine Willen?“
„Sie hatten mal einen. Dann hat Eleane ihn ihnen genommen.“
„Das heißt, früher mal waren sie einfach süße kleine Hunde?“
„Ja.“ sagte Anisa
„Das ist widerlich“ sagte ich. Ich versuchte mir Eleane vorzustellen, die das getan hatte, Anisas Auftraggeberin. Sie musste wohl so ähnlich wie Melpomene sein, dachte ich, streng und gefühllos.
Anisa zuckte mit den Schultern.
„Willkommen in meiner Welt.“

Die Hunde folgten uns auf Schritt und Tritt, aber Anisa hatte sie offenbar wirklich im Griff, also beschloss ich, dass sie erst einmal mein kleinstes Problem waren. Wir folgten dem Weg durch den Heckengang und kamen auf eine weite Rasenfläche. Dort kam ein unerwarteter Anblick. Ein Swimmingpool. Ein großes, stählernes Schwimmbecken. Und dahinter stand ein Haus. Ich hätte gedacht, dass es in eine anderen Welt vielleicht Schlösser und Burgen gab, oder Paläste, so wie in meinen Büchern, aber keine modernen Villen mit Swimmingpools. Aber warum nicht? Es war trotz der seltsamen Dinge so aufregend alles zu sehen. Die vielen Bücher, die ich gelesen hatte, keines von ihnen war wahr gewesen, aber das, wovon sie erzählt hatten, die vielen anderen Welten zwischen den Buchdeckeln, gab es wirklich. Ich war hier echt in einer anderen Welt gelandet. Sie hatte einige dunkle Seiten, aber sie war trotzdem das Unglaublichste, was ich je erlebt hatte. Ich starrte auf die Villa. Ich dachte an James Bond Filme, in denen auch häufig solche schicken Villen vorkamen. Es war alles so verwirrend und unverständlich was ich da vor die Nase gesetzt bekam. Ich meine, Gartenland hatte so sehr nach Kinderträumen geklungen. Aber was hatte ich erwartet? Aufträge, Melpomene, die uns mit dem Schwert in den Abgrund schickte und dann Anisa mit ihrem Säbel und natürlich die amnesischen Hunde –das war ja eigentlich viel zu erwachsen um ein Kindertraum zu sein. Ich beschloss, es einfach zu nehmen, wie es war.
„Ist das Eleanes Haus?“ fragte ich
„Ja“ sagte Anisa „Meine Auftraggeberin.“
Es war ja eigentlich klar, wenn es auch ihr Garten war. Dann fiel mir etwas auf, das merkwürdig war.
„Du hast vorhin von mehreren Auftraggebern gesprochen.“ stellte ich fest.
„Der andere ist Eleanes Mann.“ antwortete Anisa schulterzuckend. Sie lief den Weg entlang, der um das Haus herumführte und ich folgte ihr. Die Hunde ebenfalls. Es war irgendwie faszinierend, die Villas anzusehen. Solche Villen gab es viele, aber diese hier lag in einer anderen Welt und unterschied sich aber trotzdem nicht von denen, die ich kannte. Nur dass hier über uns Parnass schwebte und die amnesischen Hunde uns folgten. Das Haus hatte einen Klingelknopf und als wir vor der Tür standen, lösten wir einen Bewegungsmelder aus, der das Licht einschaltete. Alles ganz modern.

Ich hatte ehrlich gesagt irgendetwas wie Einhörner und Feen erwartet, stattdessen bekam ich hier eine schwebend Museninsel und eine moderne Villa, die auch irgendwo in meiner Welt in irgendeiner Großstadt hätte stehen können. Anisa bemerkte mein Erstaunen nicht, aber vielleicht, weil es vor allem ein gedachtes, aber kein gezeigtes Erstaunen war.
„Sind Eleane und ihr Mann reich?“ fragte ich
„Gartenland ist ein Land der Reichen.“ sagte Anisa „Stell einfach keine Fragen mehr, okay?“
Die Tür öffnete sich. Im Türrahmen stand eine Frau im Bademantel. Sie hatte blonde Haare und eine Modelfigur und sah aus, als wäre sie direkt aus einem James-Bond-Film spaziert. Die ganze Situation war James Bond-mäßig, nur ich passte nicht dazu.
„Darf ich vorstellen, Eleane, das ist Lina, Lina, das ist Eleane.“ sagte Anisa langsam und stellte uns damit einander vor. Ich hatte mir Eleane ganz anders vorgestellt. Naja älter, und normal, kein blondes Model.
„Hallo.“ sagte ich.
Eleane bemerkte nun die Hunde und sah Anisa an.
„Warum bist du nicht mit deinem Segler gelandet?“ fragte sie
„Melpomene hat ihn zerschlagen.“ sagte Anisa.
„Du hast es mit ihr endgültig verscherzt, darf ich das annehmen?“ fragte Eleane
Anisa zuckte mit den Schultern
„Und dein Säbel?“ fragte Eleane
Anisa beantwortete ihr die Frage mit einem Blick.

Eleane ließ uns hinein. Ich sah Anisa an. Ich hatte es schon die ganze Zeit gedacht, aber jetzt hatte ich das Gefühl, dass Anisa mir endgültig entglitten war. Es war schon von Anfang an seltsam gewesen, aber selbst die Tatsache, dass sie aus dieser Welt hier war, hatte ich noch irgendwie verstehen können.  Aber ich begriff es jetzt in dem gesamten Ausmaß. Anisa war nie meine Klassenkameradin gewesen. Irgendwie hatte sie sich in unsere Klasse geschlichen und auch in unsere Gedanken und Erinnerungen. Soweit ich das verstanden hatte. Sie hatte mir eigentlich alles sehr vage erklärt. Sie hatte mich hierhergelockt, weil ich ihr bei einem Auftrag helfen sollte. Und ich wusste überhaupt nicht, was das alles zu bedeuten hatte.

Melpomene hatte einen Strick um mein Handgelenk gebunden und zog mich mit sich. Offenbar konnte ich mich –auch wenn ich absolut nicht verstand, wie ich das gemacht hatte –gegen ihre telepathischen Kräften wehren und nun griff sie nach einem einfacheren Mittel. Naja, eigentlich war es kein einfacher Strick, aber er war ziemlich effektiv. Aus Melpomenes Sicht jedenfalls bestimmt. Es war ziemlich entwürdigend, hinter ihr hergezogen zu werden, aber ich konnte nichts tun. Ich hatte versucht, mich loszureißen, aber dieser Strick war magisch, nur dass er keine Süßigkeiten herbeizauberte, sondern Schmerzen. Als ich versuchte, wegzurennen, fühlte es sich an, als würden plötzlich Nadeln auf meine Haut einstechen. Wenn ich versuchte mit meiner ungebundenen Hand den Knoten zu öffnen, wurde der Strick plötzlich glühend heiß, sodass ich mich inzwischen an beiden Händen verbrannte hatte. Sie führte mich zwischen den Bäumen auf ein Haus zu. Es war ein Sandsteinbau hatte einen Hof mit einem Springbrunnen und Blumenbeeten und einen gekiesten Weg vor dem Eingang.

„Warte hier.“ sagte Melpomen und sah mich spöttisch an, nur um den Strick fallen zu lassen und im Haus zu verschwinden. Zuerst war ich verblüfft, weil ich nicht glaubte, dass Melpomene mich nach alldem einfach so gehen lassen würde, aber dann sah ich, wie der Strick sich im Boden verankerte und begriff, dass sie mich nicht einfach so stehen gelassen hatte. Ich seufzte, auch wenn es eigentlich klar gewesen war.

Ich saß ziemlich ewig da, bis ich nicht mehr wusste, wie lange ich da schon saß, jedenfalls lange genug um zehnmal von dem verdammten Strick gestochen und zwanzigmal verbrannt zu werden. Herausziehen konnte ich ihn auch nicht, weil er dann sowohl stach als auch brannte und manchmal tat es so weh, dass es mir die Tränen in die Augen trieb. Es war der einfachste Knoten der Welt, aber die Magie die ihn zum brennen brachte, war eindeutig sadistisch und ich saß ewig da, ohne ihn aufzubekommen. Lange genug, dass ich wütend auf Melpomene war und verzweifelt. Aber meine Schreie schluckte ich runter, was brachte es schon? Melpomene war eine Muse und wenn das hier die Insel der Musen war, hatte sie hier das sagen. Wenn das ganze hier so eine Fantasywelt wie in Linas Büchern war, dann gab es hier garantiert keine Polizei. Tolle Anderswelt.

Irgendwann saß ich nur noch apathisch im Gras und starrte meine Schuhe an. Der Sonne nach war bald Mittag, aber mir kam es wie Tage vor, auch wenn ich wusste, dass das nicht sein konnte. Ich weiß nicht was es war, das mich schließlich veranlasste, hinter mich zu blicken. Ich hatte keine Geräusche gehört, keinen Luftzug gespürt und keinen Schatten gespürt. Es war viel unbestimmter, als hätte jemand meine Gedanken berührt. Jedenfalls drehte ich mich um. Und da saß eine Frau auf einer Holzbank. Sie hielt eine Maske in den Händen, deshalb war ich erst verunsichert, weil ich sie für Melpomene hielt. Aber sie lächelte. Und ihre Maske lachte. Ich kannte Melpomene nicht gut, aber wenn sie eines wohl nicht konnte, dann war das, einfach so zu lächeln.

„Ich bin Thalia“ sagte sie. „und du bist das Mädchen das ohne Erlaubnis hierherkam“  Sie blickte auf meine linke, gefesselte Hand. Ich stand auf, weil ich mir wie ein kleines beaufsichtigtes Kind vorkam. Ich hatte so eine Szene in meinem Kopf, wie das Kindermädchen auf einer Holzbank sitzt und das kleine Kind vor ihr im Gras oder Sandkasten sitzt. Jedenfalls ging mir das nicht aus dem Kopf und auch wenn Thalia wahrscheinlich gar nicht denselben Gedanken hatte, als sie mich so sah.
„Mellie war eifrig“ meinte sie dazu und runzelte die Stirn.
Kommst du jetzt nur um mich blöd anzumachen?
„Ich will dir helfen dich selbst zu befreien.“ sagte Thalia
Ich zuckte zusammen. Kein Ahnung, aber mir kam es so vor, als hätte sie gewusst, was ich gedacht hatte.
„Mich selbst befreien? Kannst du mich denn nicht einfach so befreien?“ fragte ich
„Könnte ich“ sagte Thalia „aber dann wärst du meine Gefangene. Wenn du dich dagegen selbst befreist bist du frei für dich selbst.“
Unwillkürlich griff ich mit meiner rechten Hand nach dem, nur um mich wieder zu verbrennen. Thalia seufzte unhörbar. Sie versteckte es, aber ihr Blick war seufzend.
„Ich kann mich doch nicht befreien“ sagte ich „Der Strick sticht und brennt wie die Hölle.“
„Du kannst es.“ sagte Thalia „es gibt viele Arten einen Strick zu lösen. Lass ihn einfach los.“
Loslassen? Wie sollte ich das tun? Ich starrte meine Hand an. Der Strick wand sich eng geschnürt um mein Handgelenk. Wie um alles in der Welt sollte ich ihn einfach fallen lassen?
Ich ließ meinen Arm fallen. Thalia unterdrückte ein Lächeln. Ich schüttelte meine Hand. Thalia hatte wieder diesen Ausdruck eines unterdrückten Seufzers. Irgendwie empfand ich ihre Anwesenheit nicht als sonderlich hilfreich. Als mir nach zehn verschiedenen Versuchen die Ideen, wie man einen Strick, der einem an die Hand gebunden war einfach fallen lassen konnte, begann es mich zu ärgern, dass mich Thalia mit ihren unterdrückten Seufzern und Lächeln beobachtete. Wenn sie nicht gesagt hätte, dass sie mir helfen wollte, hätte ich es akzeptiert. Aber so kam sie mir vor wie eine Schaulustige, die sich unter falschen Vorwand über mich lustig machen wollte. Es störte mich irgendwann so sehr, dass ich innerlich fast platzte. Hatte Thalia nur ein paar nicht ernstgemeinte Sätze fallen gelassen, nur um zu sehen, was ich dann tun würde? Ich wollte sie wütend anstarren, aber sie blickte mir so seelenruhig in die Augen, dass mich das nur wütender machte und ich den Blick abwandte. Wenn ich hier je weg kam, würde ich hoffentlich auch einen Weg finden, aus dieser Welt herauszukommen. Sie war mir zu seltsam und zu unverständlich. Ich wollte lieber weg. Eigentlich könnte ich sofort gehen, wenn der blöde Strick nicht wäre, der mich hier band. Thalia sah nicht so aus, als würde sie mich bewachen. Auch wenn ich ihr dummes Theater nicht ausstehen konnte. Verschwinde du blöder Strick dachte ich verschwinde einfach.

Ich war so weit gekommen, nichts mehr zu versuchen, sondern es mir einfach zu wünschen; es zu wollen. Irgendwann kühlten meine Wut und alles andere ab. Thalia sah mich wirklich nur noch ruhig an und für einen Moment waren wir am ruhigsten Ort der Welt. Jedenfalls dieser Welt. Da bemerkte ich, dass der Strick sich gelöst hatte und auf dem Boden zusammengerollt wie eine Schlange lag.
„Er hat sich gelöst.“ sagte ich
„Du hast ihn fallen gelassen.“ meinte Thalia.
Ich hatte keine Ahnung, was ich denn getan hatte. Thalia rückte auf der Bank zur Seite. Erst begriff ich nicht, aber dann verstand ich, dass sie mich auffordert, mich neben sie zu setzen.
„Eines Tages wirst du starke magische Kräfte haben“ begann sie „Melpomene weiß das und das macht ihr Angst. Aber wenn es so weit ist, wird sie dich als ihre Feindin betrachten. Ich will nicht, dass sie eine Feindschaft zwischen euch beiden herausbeschwört.“
„Ich habe nichts getan!“ rief ich. Was fand Melpomene an mir so wichtig? „ich hab nicht mal magische Kräfte. Ich meine, ich komme aus einer anderen Welt. Und ich will nichts von Melpomene. Ich will nur weg hier.“
„Du könntest sehr wohl eine Magierin werden“ sagte Thalia „auch wenn du nicht musst. Aber das spielt keine Rolle. Wichtig ist, dass Melpomene dich allein für deine Existenz hasst. Seit Kalliope verschollen ist, ist Melpomene die Mächtigste von uns allen. Aber du könntest ihr in die Quere kommen.“
Warum sollte ich das je tun? Ich wollte hier weg und möglichst vergessen, dass es diese Welt überhaupt gab.
„Du verstehst es noch nicht“ sagte Thalia „aber du solltest vorsichtig sein. Auch gegenüber Anisa.“
„Woher bist du dir so verdammt sicher?“ fragte ich. Thalia lächelte, vielleicht ein wenig traurig, vielleicht ein wenig selbstironisch.
„Melpomene ist meine Schwester.“ sagte sie

Dann stand sie auf und ging ins Haus. Im Haus war Melpomene. Wenn sie bemerkte, dass ich frei, was dann? Würde Thalia mir ein zweites Mal helfen? Aber dann wurde mir klar, dass ich frei war und gehen konnte. Thalia hatte nichts von mir verlangt. Sie hatte mir nur angeboten neben ihr zu sitzen und mit mir geredet, aber ich hätte auch schon gehen können, als ich frei war. Sie hatte mich schließlich nicht befreit, also war ich ihr nichts schuldig.

Fortsetzung folgt

(c) 2014 Mulan Sophie Haas

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Kommentare

Reise nach Gartenland — 4 Kommentare

    • Ehrlich gesagt hast du mich damit erwischt, denn ich habe an dieser Geschichte schon seit einer Ewigkeit nicht mehr weitergeschrieben 😛

    • Hmm, damals hast du aber noch nicht diese Geschichte gelesen und mich dazu getrieben zu überlegen, ob ich es nicht dir zuliebe tun sollte 😀