Mit dieser Geschichte habe ich am Landeswettbewerb Deutsch teilgenommen und bin Preisträgerin geworden (lasst euch davon weder einschüchtern noch beeindrucken). Was voll toll war, weil ich dann auf ein Seminar durfte und mit anderen Leuten zusammen war, die auch Schreiben. Thema für diese Geschichte war „Lange Reise durch die Nacht -Schreiben Sie eine Geschichte als Roadmovie“ wobei mich das „Lange Reise durch die Nacht“ an den Titel „Wilde Reise durch die Nacht“ von Walter Moers erinnert hat, auch wenn ich das Buch damals noch nicht gelesen hatte. Also hab ich das Thema genommen und eine Geschichte, die ich da schon angefangen hatte auf dieses Thema gemünzt, weil es eh so gut gepasst hatte. Der Pro-Tipp auf dem Seminar war: Vermeide in Zukunft Klischees. Und ja, in meinem Text sind ein paar Klischees drin.

Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, wann genau ich in den Zug eingestiegen bin. Irgendwann einmal stand ich mit meinem schweren Rucksack am Bahnhof und war mir nicht mehr sicher, an welchem Gleis mein Zug fahren würde und um wie viel Uhr. Ich wusste nicht einmal wo ich eigentlich hinwollte, mir war trotzdem siedend heiß, aus Panik den Zug zu verpassen. Ich wusste nicht, warum ich auf einen Zug wollte, aber man hatte mir einen Fahrplan gegeben, mit dem Hinweis, dass es empfehlenswert sei, ihn nicht zu verpassen. Das wie und warum hatte man mir nicht erklärt. Um mich herum saßen Menschen auf den Wartebänken, die Karten und Pläne von Orten studierten, die sie noch nie gesehen hatte um zu entscheiden, wo sie hinwollten. Ich starrte abwechselnd auf meine Fahrkarte, auf der die Abfahrtszeit stand und auf die Leuchttafeln über dem Gleis, an denen die Ankunfts- und Abfahrtszeiten der Züge standen, um die Zahlen darauf zu vergleichen, aber so oft ich auch hin- und her starrte, ganz sicher war ich mir nie. Ich stand unschlüssig vor einer geöffneten automatischen Tür eines Zuges.

„Rein oder raus?“ fragte der Schaffner mit müden Augen, aber scharfer Stimme.

Es gab nur rein oder raus. Es war ein Ultimatum, dachte ich und wurde gleich panisch. Ich wusste doch gar nichts über den Zug. Wie sollte ich da entscheiden können, ob ich rein oder raus wollte? Vage glaubte ich, dass es der Zug meiner Fahrkarte sein könnte.
Ich war mir gar nicht sicher, ob ich aufsteigen wollte, aber die automatische Tür fing an, sich zu schließen und panisch zwängte ich mich hinein, um nachzusehen, ob das vielleicht der richtige Zug wäre und die Tür schloss sich klackend hinter mir. Eigentlich glaubte ich nicht, dass es der richtige Zug war.

Ich hätte nur den Schaffner fragen müssen, aber ich hatte Angst, alles was er sagen würde wäre „Rein oder Raus?“. Ich war mir fast sicher, dass es der falsche Zug war, aber ich war mir unsicher und traute mich nicht, auszusteigen, falls es vielleicht der Richtige wäre. Ich hatte große Angst, der Zug führe ohne mich ab, sollte ich jetzt aussteigen. Da fuhr der Zug ab und in diesem Augenblick hatte ich das ungute Gefühl, dass es der Falsche war. Aber ich war mir nicht sicher. Es konnte auch der Richtige sein. Der Zug nahm an Fahrt an und wurde mit größerer Entfernung zum Bahnhof immer schneller.

„Fahrkarten bitte“ Der Schaffner sagte das mit einem geschäftsmäßig gelangweilten Ton. Ich bog nervös meine Fahrkarte zwischen Zeigefinger, Mittelfinger und Daumen, ohne sie zu knicken und lugte den Schaffner verunsichert an. Ich war doch nicht im richtigen Zug, oder? Meine Fahrkarte wäre nicht gültig. Er würde mich wieder aus dem Zug schicken, dafür dass ich schwarzfuhr.

„Na kommen sie schon“ sagte der Schaffner. Und nahm meine Fahrkarte. Meine Eingeweide zogen sich vor der Scham zusammen, die ich erleben würde, sobald er merkte, dass ich falschen Zug fuhr. Ich wollte ganz sachlich erklären, dass ich von seinen Worten verunsichert und ausversehen auf diesen Zug aufgestiegen war, aber vor dieser Peinlichkeit fürchtete ich mich auch, also blieb mein Mund zu.

„Wo wollen sie denn hin?“ fragte der Schaffner und gab mir die gelochte Karte zurück. Ich blickte meine Karte an um zu sehen, ob irgendwo eine Zielstation stand, aber ich konnte sie nirgends finden. Ich wusste es nicht. Man hatte mir gesagt, es sei wichtig, rechtzeitig einen Zug zu finden, also war ich in einen eingestiegen, aber ich wusste noch gar nicht, wo ich hinwollte. Nun fuhr er schon, immer weiter und ich wusste nicht einmal, wo ich war.

„Sie müssen aber irgendwann wissen, wo sie hinwollen, nicht wahr?“ meinte der Schaffner und ging dann weiter ins nächste Abteil.
Der Zug hatte, wie alle modernen Züge, große Fenster in den Türen und über den Sitzen, sodass von allen Seiten die Sonne hereinschien. Man konnte aus dem Fenster hinaussehen und man sah weit, wohin man überall gehen konnte. Es zog eine hügelige Landschaft vorbei, zwischen den Hügeln sah man für einen Augenblick einen Drachen auffliegen. Als ich ihn sah blickte ich ihm überrascht nach, aber er war bereits wieder außer Sichtweite. War er wirklich gewesen? Ich stand am Fenster der Tür und blickte hinaus, aber es war nichts zu sehen. Nur die grasigen Hügel einer Heidelandschaft. Es war Herbst und die Bäume waren rotbraun, orange oder gelb.

Der Zug wurde langsamer. Ich bemerkte es zunächst nicht aber er verlangsamte sich, bis er einfach mitten in der Wiese stehen blieb. Vor mir die Hügel. Auf einem von ihnen stand eine mittelalterliche Burgruine. Wo war der Bahnhof? Ich blickte auf die Hügel, an denen der Zug vorbeigefahren war. Irgendwo dahinter gab es einen Drachen. Falls es einen gab. Vielleicht war es nur eingebildet, ich wusste es nicht so genau. Ich hatte den irrwitzigen Gedanken, dass ich hier aussteigen könnte, einfach hinaus auf die Wiese, zur Burg hinauf oder nach dem Drachen suchen. Allein der Gedanke ließ mein Herz höher schlagen und ich lehnte mich sehr weit aus der Tür um die frische Luft zu schnuppern.

Ich hörte einen Mann aus dem Abteil heraus grummeln. „Was hält der Zug hier an? Ich muss zum Termin und der Zug hält hier mitten in der Pampa an, was geht hier vor?“

Ich zuckte zusammen und steckte meinen Kopf wieder aus dem Türrahmen heraus. Ja, es war schon etwas seltsam. Es gab hier nicht einmal einen Bahnhof! Für einen Halt musste es doch einen Bahnhof geben, oder? Ich hatte noch nie gehört, dass ein Zug an Orten hielt, an denen es keinen Bahnhof gab. Die Türen schlossen sich, indem sie wieder laut aufeinander knallten. Ich blickte hinaus in die Heidelandschaft, die jetzt eher grau erschien. Die Sonne war unter einer Wolkendecke verschwunden. Drachen suchen. Was für ein verrückter Gedanke.
„Sie stehen immer noch hier?“ fragte mich der Schaffner von der Seite her. Ich drehte mich zu ihm und wusste nichts zu sagen. Es fühlte sich an wie eine Forderung. Ich fand es ungerecht, dass er mich jetzt fragte! Ich wusste doch nicht, wo ich hinwollte! Ich schwieg und wartete. Schließlich schüttelte er den Kopf und ging weiter. Ich atmete auf, sobald er weg war.

Ich sah mich endlich im Abteil nach einem Sitzplatz um. Es waren nicht viele Fahrgäste in diesem Zug, sie saßen locker verteilt und sogar Tischplätze waren noch frei. Die meisten dösten oder beschäftigten sich mit ihren Smartphones, einige hatten Zeitschriften und Bücher dabei. Niemand sah mich. An einem der Tischplätze saß ein Junge, der vor sich auf dem Tisch Dominosteine stapelte, neben ihm am Gang saß ein Mädchen mit Kopfhörern im Ohr. Sie las eine Klatschzeitschrift und bemerkte mich gar nicht.
Ich hievte meinen Rucksack mühsam in den Gepäckträger hoch und rückte auf den Fensterplatz dem Jungen gegenüber. Er stapelte konzentriert seine Dominosteine, auch wenn sie immer wieder rutschten, er begann wieder damit. Ab und zu blickte er mürrisch aus dem Fenster, wandte sich dann aber wieder seinen Spielsteinen zu. Einmal hatte er sie alle verbaut und er drückte mit dem Finger von oben auf den Turm um ihn zu fixieren, dadurch fiel er aber erst recht zusammen und er begann wieder von vorn.
Ich beobachtete die auf und abschwellenden Hügel aus dem Fenster, zwischen denen jetzt hin und wieder Dörfer, Landstraßen und Felder lagen.

„Faszinierend, nicht?“ fragte der Junge in schlecht gelauntem Ton „Die Dinge sehen vermeintlich auf den ersten Blick gleich aus, aber man kann mit diesem Zug, wenn man einmal vorbeigefahren ist, niemals wieder an diese Orte zurückkehren. Dieser Zug fährt immer weiter und weiter, man weiß nicht wohin und man kommt an den tollsten Orten vorbei, aber man bleibt nie lange genug irgendwo, um den Ort wirklich betrachten zu können, dafür zieht man zu schnell vorbei.“

„Das sind ja nur Dörfer und Äcker“ meinte ich, auch wenn ich den Drachen im Hinterkopf hatte, „was ist schon so schlimm daran, vorbeizuziehen?“

„Weil wir in Wirklichkeit nirgends hingehen“ sagte der Junge „solange wir im Zug sind, sind wir gefangen und stecken immer am selben Ort fest.“

„Man kann noch aussteigen“ schlug ich vor.

„Wenn man aussteigt, fährt der Zug weiter und man kann nie wieder weiter“ sagte der Junge „und wer weiß, ob es wirklich der richtige Ort ist, an dem man ausgestiegen ist. Vielleicht kommt ein besser passender Ort für einen.“

Der Zug wurde langsamer und hielt an einem Dorfbahnhof, der aussah wie andere Bahnhöfe auf dem Land. Das Mädchen, das neben dem Jungen saß, klappte seine Zeitschrift zu, fummelte an den Kopfhörern, die es im Ohr trug –man konnte hören, wie sie anfingen, ein rhythmisches Summen von sich zu geben –und stieg aus Zug aus, auf den Bahnhof. Sie war nicht die Einzige, der Mann mit dem Termin und andere stiegen aus. Es stiegen auch wieder Menschen ein.

„Schau sie dir an“ sagte der Junge „sie weiß doch nicht einmal, wo sie ausgestiegen ist und bemerkt nicht, wie sich die Türen hinter ihr schließen. Sie folgt einfach irgendeinem Fahrplan, den man ihr gegeben hat und weiß nicht, warum.“
Unwillkürlich blickte ich hinab zu meinen Händen, die immer noch meinen Fahrplan knüllten, er ergab aber ohne Ziel keinen Sinn mehr. Er reihte seine Dominosteine während der Zug noch still stand alle gerade in einer Reihe auf, nur damit sie, als der Zug anfuhr, alle umfielen, sich dem Druck ihres Nebenmannes beugend.

Als der Zug wieder Fahrt aufgenommen hatte, kam der Schaffner wieder bei uns vorbei und kontrollierte unsere Fahrkarten.
„Immer noch keine Ziel?“ fragte er und musterte uns beide ausgiebig und ich bemerkte, dass er besonders den Jungen ansah.
„Nein“ antwortete ich steif „was wäre denn ein gutes Ziel?“
„Was immer für sie ein gutes Ziel ist“ sagte der Schaffner und gab mir meine Fahrkarte zurück. Ich bemerkte, dass es auf der Fahrkarte ein leeres Feld gab, das man ausfüllen konnte. Ziel:__________.

Der Zug fuhr weiter und hielt an verschiedenen Orten: vielen Dörfern und Städtchen und einigen großen Industriestädten. Immer stiegen die Menschen ein und aus und schienen genau zu wissen, wo sie hinwollten, nur der Junge und ich blieben sitzen. Wir begriffen, dass es lächerlich war, zu glauben, man wüsste so schnell, wo man hinwollte. Der Junge hatte seine Dominosteine eingepackt und baute stattdessen ein Mensch-ärgere-dich-nicht auf, indem wir abwechselnd beiläufig zogen. Ich begann die Orte, die an uns vorbeizogen zu betrachten um zu sehen, ob ich vielleicht an einem dieser Orte bleiben wollte, es gab immer wieder Orte, die mir gefielen. An einem tiefen See, dessen Wasser klar leuchtete, fand ich es schön. Wir fuhren an einem Abend vorbei und Glühwürmchen leuchteten an den Ufern. Der Junge meinte, das Tal in dem er lag, wäre doch sehr beengend und das Städtchen, sei so verwinkelt. Da war der See bereits wieder an uns vorbeigezogen. Der Zug hatte nicht gehalten.

Einmal stieg in einer Großstadt eine junge Frau ein, die ein wenig älter war als wir. Sie hatte Ringe in der Nase und rosa gefärbte Haare und ich fand das ein wenig einschüchternd, aber sie hastete nicht herein, sondern blieb gelassen und sah sich um. Sie setzte sich zu uns an den Tisch, hielt ein freundliches Gespräch am Laufen und teilte Karten aus, um mit uns Poker zu spielen. Das war ungemein spannend, weil man ein wenig Einfluss darauf hatte, wie es ausgehen würde, auch wenn Glück nötig war.
„Wie lange sitzt ihr den schon in diesem Zug?“ fragte die junge Frau. Wir sagten es ihr jeweils, der Junge fuhr noch viel länger als ich mit.
„Ihr wohnt hier ja fast schon“ meinte die junge Frau „wollt ihr nicht mal aussteigen und etwas Neues ausprobieren?“
„Wir wollen ja, aber wir wissen doch noch nicht, wo wir hinwollen.“
„Man weiß sowieso nicht, wo die Reise hingeht, bevor man dort ist, egal wie lange man sich vorbereitet“ sagte die junge Frau
„Aber was, wenn es noch einen viel besseren Ort gibt, den wir nicht erreichen können, weil der Zug abfährt, wenn wir aussteigen?“
„Das weiß man nie“ sagte die junge Frau „aber der Zug kann euch doch nur dann irgendwohin bringen, wenn ihr aussteigt. Ansonsten seid ihr nirgendwo.“
„Lässt sich nicht ändern“ der Junge zuckte mit den Schultern.

Die junge Frau legte ihr Ass und ihren König offen hin und hatte gewonnen. Während sie ihre Karten wieder zusammenstapelte, wandte der Junge den Blick ab und sah zum Fenster hinaus, in dem sich eine nächste große Stadt ankündigte.
„Ich steige jetzt wieder aus“ sagte die junge Frau „ich ziehe weiter, irgendwohin. Willst du nicht mit mir kommen?“
Ich sah sie an. Auch wenn ich sie kaum kannte –sie war ein freundlicher Mensch. Es war verlockend, einfach jetzt mit ihr zu gehen, ohne zu wissen, wohin es mich führen würde. Irgendwohin. Das konnte aufregend oder unbedeutend sein. Es würde mich aus dem Zug führen. Ich stellte mir vor, wie das wäre, mit der jungen Frau durch die Welt zu ziehen, mich einfach treiben zu lassen. Ich wollte Ja sagen. In den Augenwinkeln sah ich den Jungen und stellte mir vor, was er sich dachte. War es sicher, mit ihr zu ziehen? Vielleicht war sie nur jetzt so freundlich und nach einigen Wochen des Reisens würden wir uns raufen. War es mein Ziel, ihr zu folgen? Selbst wenn ich mit ihr durch die Welt triebe, ich würde immer noch jemandem folgen. Mein Ja lag mir auf der Zunge, es verließ sie aber nicht.
„Du kannst es dir nicht ewig überlegen“ sagte die Frau, während wir langsam in den Bahnhof einfuhren, „ich ziehe jetzt los, wenn du willst, komm mit.“

Sie packte ihre Sachen zusammen. Sie hatte wenige Dinge, die alle in ihren leichten Rucksack passten. Es war sicher einfach, sich mit so wenig Gepäck durch die Welt treiben zu lassen. Der Zug hielt an und die Pneumatik der Türen ließ sie ein zischendes Geräusch von sich geben. Die junge Frau trat mit ihrem Rucksack hinaus, ein Schritt, den sie bedächtig aber ganz leicht und frei machte. Sie dreht sich zu mir um und sah mich fragend an. Ich dachte an meinen schweren Rucksack oben im Gepäck, den ich noch herunterhieven müsste. Oder ich konnte einfach ohne Gepäck reisen und meinen Rucksack hinter mir lassen. Er war ohnehin unwichtig, begriff ich mit klopfendem Herzen. Ich stand unschlüssig im Gang des Zuges, warf einen Blick auf die Gepäckablage. Es gab einige Dinge in meinem Rucksack, die ich brauchen würde. Ich zuckte zusammen, als sich unvermittelt die Türen des Zuges zusammenknallten. Die junge Frau lächelte traurig durch das Plexiglas hindurch. Sie winkte, während der Zug anfuhr. Bevor ich sie ganz aus den Augen verlor sah ich, wie sie vom Boden abhob und davonschwebte, wie eine vom Wind getriebene Feder. Ich blinzelte in diesem Augenblick und war mir nicht mehr sicher, ob ich das wirklich so gesehen hatte.

Ich setzte mich wieder zu dem Jungen an den Tisch, der stillschweigend am Tisch saß und aus dem Fenster sah.
„Dir hat sie das Angebot gemacht“ sagte er.
Nach einer Weile holte er sein Smartphone heraus und versteckte sich dahinter. Es wurde dunkel und ich grübelte vor mir hin, während sein Gesicht von einem LCD Display erleuchtet wurde. Schließlich döste ich weg.

Ich wurde von hellem Licht geweckt und davon, dass der Zug stillstand. Ich blickte hinaus und sah, dass links und rechts des Zuges Wellen glitzerten. Durch die offenen Türen wehte ein warmer Wind. Ich stand auf. Statt Bahngleisen gab es hier Holzstege die zu einem Strand wie aus dem Urlaubskatalog führten. Es standen dort Holzliegen unter weißen Sonnenschirmen und weiter hinten Strandbars. Zwischen alledem erhoben sich hohe Kokospalmen und dahinter ragte eine riesige, leuchtend grüne Masse tropischen Urwalds hervor. Das Wasser war seicht und hellblau. Der Strand war ein perfekter Ort. Hier bräuchte ich meinen Rucksack nicht mehr. Ich könnte meine Schuhe und Socken ausziehen. Ich trat einige Schritte hervor, dann zuckte ich zusammen, als jemand laut hinter mir „Buh!“ rief. Ich drehte mich um und da war der Junge, der mich stirnrunzelnd ansah. Ich hörte kaum, wie die Türen hinter mir sanft zufuhren und sich leise klickend schlossen. Ich spürte in den Beinen, wie der Zug anfuhr.

„Das war ein perfekter Ort!“ rief ich aus „warum hast du mich aufgehalten?“
„Er war nicht perfekt“ sagte der Junge, „das war ein Strand voller Sand und Sand ist ein furchtbares Zeug das überall eindringt. Ich hasse Sand.“
„Na wenn schon. Ich finde ihn schön“ sagte ich.
„Es wird tropisch heiß und man könnte von einer Kokosnuss erschlagen werden“ sagte er
„Und wenn schon“ sagte ich, „hier in diesem Zug kann man nicht leben.“
„Kannst du dir das Leben im Urlaubsparadies leisten?“ fragte er. Ich setzte mich wieder.
Der Zug fuhr weiter aufs offene Meer und ließ die tropische Insel zurück, zu deren Küste der Strand gehört hatte. Sie gehörte zu einem ganzen Archipel grüner Inseln. Der Junge holte wieder seine Dominosteine auf den Tisch und begann, sie zu stapeln.

Der Schaffner lief in schnellem Gang vorbei, ohne uns zu beachten. Ich sprang auf und hielt ihn an.
„Bitte, eine Frage!“
Wenn man von ihm angesehen wurde, empfand man es als unangenehm.
„Gerne“
„Wenn wir unser Ziel noch finden müssen, was ist dann ihr Ziel?“ fragte ich
„Dieser Zug.“
„Und warum müssen wir dann ein Ziel haben?“
„Weil jeder sehen kann, -und sie wissen es- dass dieser Zug nicht ihr Ziel ist.“
Er nickte und lief wieder zügig und entschlossen weiter. Im Gegensatz zu dem Jungen sah er was vor ihm lag.

Ich stand auf und holte meinen Rucksack aus dem Gepäckfach herunter. Ich begann auszumisten. Ich warf all die Dinge auf den Sitz, die ich irgendwann einmal eingepackt hatte, weil ich glaubte, sie könnten nützlich werden, worin sie sich nie bewiesen. Bunte Dinge, die mir einmal gefallen hatten, aber nun bedeutungslos geworden waren. Ich behielt nur das Nötigste. Ich schlüpfte in die Gurte meines so viel leichteren Rucksacks.

Ich lief durch die Waggons, einen nach den anderen. Vorbei an den Menschen die im Zug fuhren, dösend, lesend und spielend, ohne aus dem Fenster zu blicken. Bis ans Ende des Zuges.
Der letzte Waggon war aus einem viel älteren Baujahr. Unter anderem zeigte es sich darin, dass er ruckelte und innen mit Holz verkleidet war. Im hinteren Drittel hatte er eine Plattform mit Geländer, die wie eine Aussichtsterrasse den Blick auf die Dinge freigab, an dem der Zug soeben vorbeigezogen war. Wie ein kleiner Balkon gab sie die Möglichkeit, draußen zu sein, ohne den Zug wirklich zu verlassen. Man konnte dort aufmerksam dafür sein, wo sich der Zug befand. Gerade ging dort die Sonne über dem Meer unter, bis sie langsam schleichend verschwand. Es standen dort ein Mädchen in verrissener Jeans und kurzen, ungewaschenen Haaren und ein Junge mit Zigarette und glatt gegelten Haaren, der den Rücken ans Geländer gelehnt rauchte. Sie wollten auch aus dem Zug aussteigen. Sie begrüßten mich mit stummen, ernsthaften Blicken.

„Es gibt einen richtigen Augenblick zum Aussteigen“ sagte das Mädchen „irgendwann wird er kommen.“

„Hör nicht auf den Bullshit“ sagte der Junge und grinste, „man kann jederzeit aussteigen, man muss es nur wollen.“

„Wenn du jetzt nicht willst, dann kannst du auch jetzt noch nicht aussteigen.“

„Aber dann braucht man es ja gar nicht“ sagte er, „man kann, wann immer man will. Man darf sich bloß nicht festlegen, wann genau oder bis wann.“

„Willst du jetzt vielleicht?“

Der Junge lächelte schelmisch und sah sich zu dem Meer hinter ihm um. Die Sonne war weg und nur noch der Himmel am Horizont leuchtete während auf der anderen Seite des Firmaments die Milchstraße leuchtete.
„Warum nicht“ sagte er und bewegte seinen Körper auf die andere Seite des Geländers. Er sprang in das kalte Wasser. Im nächsten Moment schoss ein Hai aus dem Wasser und grub seine Zähne in den Jungen und dessen Kleider färbten sich rot. Der Zug fuhr weiter und kaum einen Augenblick später waren der Junge und der Hai bereits kaum zu sehen über dem dunklen Wasser.
„Solange man im Zug bleibt, ist man sicher“ bemerkte ich bedrückt.

Der Zug drang immer tiefer in die Nacht ein, bis wir nur noch die Sterne über uns hatten und das Meer in dem sie sich verschwommen spiegelten unter uns. Ich saß neben dem Mädchen auf dem Boden der Aussichtsterrasse ohne etwas zu sagen. Schließlich bemerkten wir beide, dass das Wasser stieg, es ging uns bis an die Knöchel und schon sank der Zug unter Wasser. Wir mussten uns am Geländer festhalten um im Zug bleiben zu können. Der Zug sank immer tiefer und tiefer, bis an den Grund des Meeres, auf den wir schließlich aufstießen. Es gab dort Laternenfische und leuchtende Quallen, die die Welt erleuchteten. Ein riesiger Megalodon mit weit geöffnetem mannshohem Maul schwamm dicht an unseren Zug heran und wir hielten uns fest an der Hand des anderen um die Angst zu bekämpfen. Im Zug konnte einem nichts passieren, aber wir waren so nah am Rand, dass wir ihn beinahe berühren konnten. Es war gewiss nicht der richtige Augenblick zum Aussteigen.

Das Mädchen holte ein Schachbrett heraus und erklärte mir die Regeln. Wir spielten, aber sie gewann immer und ich verstand es noch nicht so recht. Man musste so viele Entscheidungen in kürzester Zeit treffen.
Wir waren vertieft in das Spiel, als der Zug an einer hell leuchtenden Stadt unter Wasser vorbeifuhr, in der Meermenschen mit fluoreszierenden blauen Haaren lebten. Wir fuhren mitten durch eine Stadt mit dreidimensionalen Wegverläufen und die Meermenschen standen an diesen Wegen um das seltsame Fahrzeug aus einer anderen Welt zu bestaunen. Es wäre ein guter Ort zum Aussteigen gewesen. Aber ich war mitten in einer Partie Schach, bei der ich zum ersten Mal das Gefühl hatte, nicht zum Verlieren verdammt zu sein und das Meer, das einen von oben unten und allen vier Seiten umgab machte mir Angst. Ich spürte den Impuls aufzustehen und am Geländer nach der Stadt zu greifen, nach irgendetwas, um zu berühren, aber ich blieb an dem Schachbrett stecken. Ich war gerade am Zug. Schließlich fuhr der Zug wieder aus der Stadt heraus und die Stadt verschwamm zu einem blauen Punkt im Raum, der immer weiter schrumpfte.
Dabei war das gar keine Unterwasserstadt, von der wir uns entfernten, sondern die Erde im Weltraum, die sich immer weiter hinter uns entfernte, bis sie kaum noch zu erkennen war. Wir schwebten in einem Raumschiff und man konnte Raum und Zeit kaum feststellen, da waren nur die Sterne überall in allen Richtungen um uns und ob der Zug sich bewegte oder ob er stehenblieb war gleich.

Ich bemerkte kaum, wie der junge Mann hinter uns stand. Er hatte gräulichbraune Haare und graue Kleider, eine Brille mit großen Gläsern und sah sehnsüchtig zu den Sternen überall um uns. Seine Anwesenheit wurde mir erst bewusst, als er zu sprechen begann.
„Seht ihr die Sterne? Ich möchte nach ihnen greifen und einer von ihnen sein“ sagte er. Er hatte eine recht hohe, leise Stimme. Und kaum blinzelten wir zweimal, begann sein ganzer Körper sich aufzublähen und zu leuchten. Mit einem Mal schwebte er vom Zug weg, ein großer, leuchtender Gasball, zwischen allen anderen Sternen und genauso einsam. Wir sahen ihm noch nach, als der Zug bereits in die Sonne stürzte. Wir hatten nicht gesehen, dass es kam, weil man vom hinteren Ende nicht voraussehen konnte. Wir wurden von einer glühenden, heißen Masse versengt, bis der Zug langsam auftauchte und über den Lavasee fuhr. Der kochende, rote See warf Blasen die gelegentlich aufspritzten. Der Zug erreichte das Ufer dieses Sees und fuhr darum herum. Immer wieder schossen Geysire dicht neben der Aussichtsterrasse hoch. Zu diesem Zeitpunkt kam der Schaffner seelenruhig zu uns an die Plattformen und blickte das ausbrechende Chaos ungerührt an. Der Tag begann in dieser wüsten Landschaft langsam zu dämmern und der Himmel wurde bereits heller.

„Wo wollen sie denn aussteigen?“ fragte der Schaffner „hier vielleicht?“

„Nein.“

„Wie findet man Orte, an denen man vorbeigezogen ist?“ fragte ich „wenn man den Ausstieg verpasst hat?“

„Gar nicht“ sagte der Schaffner, „wenn man bereits sehen kann, wie Orte über den Horizont hinweg verschwinden, dann ist es schon längst zu spät.“

„Aber ich begreife doch erst jetzt, dass sie schön waren!“

„Wie etwas war, begreift man immer erst hinterher“ sagte der Schaffner, „man kann mit dem Zug nicht zurück.“

„Wie soll ich eine Entscheidung fällen, wenn ich nicht wissen kann, wie es ist und sein wird?“

„Wie haben sie sich entschieden, diesen Zug zu besteigen?“ fragte er.

„Ich wusste doch nicht einmal, dass es eine Entscheidung gibt!“ rief ich aus.

„Aber jetzt wissen sie es doch“ bemerkte er, „jetzt könnten sie begreifen.“

Es wurde heller und die Geysire wurden weniger, die Strecke stieg stark an bis es blendend hell wurde. Der Zug brach mittags aus dem Gipfel des Kaiserstuhls, und begann sich den Berg hinabzuschlängeln.
„Es ist doch nicht schwer, die Entscheidung zu treffen“ meinte das Mädchen „es muss doch nur der vollkommene Moment sein, in dem alles passt. Man weiß, dass es richtig ist und dann geht auch das aussteigen von allein. Die Entscheidung zu treffen ist gar nicht schwer. Bisher waren es bloß immer die falschen Orte in den falschen Augenblicken.“

Ich schüttelte den Kopf. Woher wollte man diese Gewissheit haben. Der Zug fuhr durch Wald, Baum an Baum an Baum. Zwischen den Bäumen erhaschten meine Augen kurz den Blick auf ein grazil springendes Reh, ein kurzer Anblick, über den ich mich freute. Ein Reh war nichts, für das ich hätte bleiben wollen. Aber es war schön, dass ich es gesehen hatte. An die Meermenschen mit blauem Haar, den Traumstrand, die Frau die sich wie eine Feder treiben ließ und den Drachen –daran klammerte ich mich. Das Reh konnte ich springen lassen.
Der Zug fuhr von Ort zu Ort und blieb stehen. Ich stieg nicht aus, aber ich bereute es nicht mehr, wenn ich an einem schönen Ort nicht ausgestiegen war. Es waren nicht die Richtigen. Wir spielten wieder Schach und ich gewann meine erste Partie. Ich wusste nun worauf es ankam. Man konnte sich nicht für immer alle Möglichkeiten freihalten.

Schließlich blieb der Zug an einem orangefarbenen Spätnachmittag im Herbst stehen. Ich stand auf und blickte mich um. Da war ein unscheinbares Dorf, umgeben von Bäumen. Häuser dicht aneinander, vom Wetter und menschlichen Dreck verschmiert. Es hatte keinen Bahnhof und keine Hauptstraße. Es gab ein Gleis, das mitten durchs Dorf führte und links und rechts daran standen Häuser. Ich stand auf und verließ das Schachbrett. Ich wusste bereits, wie ich mit wenigen Zügen an ein Schach Matt kommen würde. Ich hatte meinen Rucksack bei mir, spürte ihn allerdings kaum. Ich ging in den Zug hinein, um an den Zugtüren wieder hinaus zu gehen. Ich trat auf den Gehsteig des Dorfes, blickte mich aber noch einen Moment nach dem Mädchen um. Sie schüttelte den Kopf.

„Das ist ein dreckiges Dorf. Es ist Herbst. Du bist mitten in einem Wald und weiß nicht, wo du hinkannst…“
Ich lächelte.
„Was kümmert es mich. Man kann nicht ewig warten.“
Ich winkte. Ich war jetzt eine fliegende Feder.

Ich lief durch den schattigen Wald am Abend, während es immer dunkler wurde. Ich kannte mich nicht aus und hatte schon vorher nicht gewusst wo ich war. Die Bäume ließen so wenig Licht und Sterne nach unten und die Gegend war ein zivilisierter Platz auf der Welt, an dem es zu viel Licht und wenige Sterne zu sehen gab. Die nächste Ortschaft war nicht weit weg. Es war ein ungutes Gefühl nachts allein im dunklen Wald zu sein.

In einem kleinen warmen Häuschen wurde ich von Menschen eingelassen, die nicht wussten, was ein Zug war. Sie gaben mir warmen Kakao zu trinken, der mir sahnig in den Magen lief. Sie hatten zwei kleine Kinder, die mit Puppen spielten und sich dabei Geschichten ausdachten, die kein Erwachsener je verstehen würde. Sie ließen mich über Nacht bleiben, bis zur Dämmerung. Ich lief noch im Halbdunkel wieder durch den Wald und auf die Landstraße, bis ich über den Landstraße und den abgeernteten Weizenfeldern die Sonne aufgehen sah. Ich folgte der Landstraße immer weiter, bis ich an einen Bahnhof kam. Ich setzte mich auf die Wartebänke, neben die Leute, die akribisch die Fahrpläne studierten und sich damit auf die Reise vorbereiteten. Ich holte einen Stift aus meinem Rucksack und fand, ganz zerknittert, eine Fahrkarte, auf der es ein blankes Feld gab. Ziel: __________. Ich überlegte und setzte meinen Stift an.

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